02.05.2018 
19-jähriger Spitzenkoch eröffnet eigenes Restaurant

"Zehn Jahre Kindheit sind doch genug"

Von Madeleine Jakits, "Der Feinschmecker"
Maria Schiffer

In Amerika gilt er als Wunderkind - weil er schon mit zehn Jahren wusste, dass er Koch werden wollte. Trainiert hat Flynn McGarry dafür in seinem Kinderzimmer und bei Pop-up-Dinners im Elternhaus. Jetzt hat er sein erstes eigenes Restaurant in New York. Mit 19! Das Magazin "Der Feinschmecker" hat mit dem Shooting Star der Gastro-Szene gesprochen.

Frage: In welchem Moment wussten Sie, dass Sie mal ein Spitzenkoch werden wollten?

Der Feinschmecker
Heft 11/2018

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Flynn McGarry: Das kann ich gar nicht so genau benennen. Aber es hatte etwas mit einem Kochbuch von Thomas Keller zu tun. Ich habe die Fotos immer wieder angeschaut, die Rezepte gelesen und große Lust bekommen, selbst zu kochen. Die Initialzündung, kann man wohl sagen. Im Internet habe ich mir dann YouTube-Filme angeguckt, um zu verstehen, wie Profiköche bestimmte Sachen tun, Fisch filetieren, einen Puter zerlegen, Artischocken putzen und so.

Frage: Wie alt waren Sie da?

McGarry: Zehn. Meine Mutter ist keine tolle Köchin, und sie war damals gar nicht gut drauf. Also habe ich mich ins Kochen reingekniet.

Frage: Wie muss man sich das vorstellen?

McGarry: In meinem Zimmer haben wir Platz geschaffen durch ein Faltbett, so konnte ich da tagsüber an den vier Induktionsfeldern tüfteln und genug Arbeitsfläche einrichten für mein mise en place. Ich habe mir gute Messer und alles mögliche an Ausstattung gewünscht.

Frage: Diese Wünsche waren ja auch sicher finanziell eine, sagen wir, Überraschung für Ihre Mutter?

McGarry: Ja, klar. Und irgendwann ging's frühmorgens auf den Fischmarkt, um gute Ware zu bekommen, das war nie billiges Zeug.

Frage: Sie haben mit der Zeit das Wohnzimmer immer wieder in einen Pop-up-supper-club verwandelt, mit fünf, sechs Tischen, mit Kerzenlicht und weiß eingedeckt und einem umfangreichen Menü für erwachsene Gäste, das Sie zubereitet haben.

McGarry: Meine Mutter Meg hat mich ermutigt, das zu machen, sie hat ja gesehen, wie ernst mir das mit dem Kochen war. Und ich wollte mich ausprobieren. Wir haben unseren supper club "Eureka" genannt, eine Idee meiner Mom natürlich. Anfangs kamen Freunde meiner Eltern. Dann fingen die Zeitungen an, über mich zu berichten, hinzu kamen Talkshows, Late-Night-Shows und so was. Dadurch hat sich das mit dem supper club herumgesprochen, und es kamen auch Fremde zu uns nach Hause.

Frage: Wie haben Sie es denn als Kind geschafft, für 16 bis 20 Leute an so einem Abend zu kochen?

McGarry: In meiner "Küche" haben anfangs meine Schwester und ein paar Schulfreunde geholfen. Aber es war überhaupt nicht einfach, denen - quasi als Küchenchef - zu erklären, was sie wie machen sollten. Meine Mutter hat umgeräumt, aufgebaut und schließlich auch serviert, meine Vorbereitungen gingen tagelang. Am Ende waren wir immer alle völlig erledigt. Irgendwann haben wir den Gästen das Dinner mit 160 Dollar in Rechnung stellen müssen, es wurde ja einfach unbezahlbar - die Zutaten, der Wein, das Equipment.

Frage: Und wer hat die Buchhaltung gemacht?

McGarry: Meine Mom.

Frage: Wie haben Gleichaltrige auf Ihre kulinarische Leidenschaft reagiert?

McGarry: Anfangs fanden sie's noch interessant. Aber dann wurde ich immer häufiger gehänselt und gemobbt. Ab 13 habe ich dann zu Hause gelernt, es gibt ja im Internet Schulunterricht für Kinder, die zu Hause lernen wollen oder müssen.

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