07.09.2018  Laufen um des Laufens willen

Wie Motivation auch ohne Wettbewerb funktioniert

Von Sonja von Opel
Sonja von Opel Sports

Sonja von Opel

Kennen Sie den Unterschied zwischen Läufern und Joggern? Läufer laufen nicht einfach, Läufer trainieren. Läufer haben ein Ziel und überprüfen ihren Leistungsstand regelmäßig in Wettkämpfen. Läufer jagen persönliche Bestzeiten und Altersklassenkonkurrenten. Läufer sind manchmal sogar in einem Verein, gehen regelmäßig zum Lauftreff, den die Firma, die Gemeinde oder das Fitness-Studio anbietet oder sie schließen sich zumindest einer Crew an, einer coolen, hippen Lauf-Crew, die mit coolen, hippen Shirts und allerbester Laune meist urbanes Gelände zur Trainings- und Partyzone erklärt.

Läufer wählen ihr Urlaubsziel nach den Laufmöglichkeiten vor Ort, wenn sie nicht sogar gleich ihren Jahresurlaub in einem Lauf-Camp verbringen. Auf jeden Fall machen Läufer zwischen Weihnachten und Silvester eine Jahresplanung, in der die Hauptwettkämpfe markiert, die intensiven Trainingszeiten mit beruflichen Stressperioden in Einklang gebracht und der Familie die Dringlichkeiten von mindestens drei Trainingslager-Wochen pro Saison beigebracht werden.

Jogger joggen. Punkt. Ich gebe zu, dass ich in den vergangenen Jahren ein wenig von oben herab auf die Jogger geschaut habe. Für mich waren Jogger eher disziplinlose Möchtegernsportler, die mit einer lächerlich kleinen Joggingrunde versuchen, ihren Kalorienbedarf verzweifelt in die Höhe zu treiben. Jogger tragen uralte Joggingschuhe und Baumwollklamotten und manche ihrer Art treiben es sogar auf die Spitze, indem sie sogar noch ein Handtuch ins Genick legen, als kämen sie gerade aus dem Boxring. Nein, mit Joggern hatte ich nichts am Hut als Läuferin und manchmal habe ich mir sogar den solidarischen Läufer-Gruß verkniffen, als würde ich einem Walker begegnen.

Lesen Sie auch: Die besten Kraftübungen für Läufer

Zeiten ändern sich. Sichtweisen ändern sich. Jogger faszinieren und interessieren mich und ich verspüre plötzlich den inneren Drang, ihr Dasein und Tun genauer unter die Lupe zu nehmen. Ich wage einen mutigen Schritt und entledige mich meiner heißgeliebten GPS-Uhr. Jahrelang war sie mein Motor, mein Tachometer, mein Coach und mein Begleiter am Tag und sogar in der Nacht, damit ich meinen Ruhepuls lückenlos aufzeichnen und mein Schlafverhalten analysieren kann. Nun prangt am linken Handgelenk nur eine weiße Stelle umgeben von sonnengebräunter Haut. Jetzt ist sie weg und ich bin wieder allein….

Bei den ersten Läufen ohne Uhr bin ich komplett verwirrt. "Wann soll ich denn jetzt loslaufen?" "Wie schnell ich wohl gerade bin?" "Hihi, beim Stehenbleiben an der Kreuzung muss ich gar nicht auf Stopp drücken!" "Wie leicht sich der linke Arm anfühlt." "Waren das jetzt vier oder fünf Kilometer?" Unser Gehirn mag zwar Gewohnheiten, aber es zeigt sich doch auch im fortgeschrittenen Alter noch flexibel, wenn es sein muss.

So gewöhne ich mich schnell an das Laufen ohne Uhr und realisiere mit Schrecken, wie wichtig und wesentlich die Uhr und die Ermittlung aller Daten für mich und meinen Sport in den letzten Jahren waren: Wie oft habe ich bei einem Lauf noch mal Gas gegeben, um einen bestimmten Gesamtschnitt zu erreichen?! Die geplante Wochenkilometerzahl war meist der Grund, am Sonntag den langen Lauf entsprechend auszubauen und nicht selten wurde vor der Haustür noch ein albernes Schleifchen gedreht, um diese Zahl rund zu machen.

1 / 2

Mehr zum Thema