06.07.2018  Lauftipp des Monats: Kollegial oder kompetitiv?

Hilfe, ich gewinne gerne!

Von Sonja von Opel
Siegen wollen ist okay: Laufcoach Sonja von Opel
Michael Reusse
Siegen wollen ist okay: Laufcoach Sonja von Opel

Sonja von Opel

Darf ich beim Firmenlauf alle Kollegen samt Chef besiegen? - "Was für eine blöde Frage!", werden viele von Ihnen jetzt denken. Natürlich darf ich bei einem Wettrennen schneller sein als andere. Darum geht es doch schließlich!

Standen Sie dieses Jahr schon an der Startlinie eines Firmenlaufs oder sind Sie beim Stadtlauf mitgelaufen? Was sind Sie für ein Typ? Geht es ums Dabeisein oder um Leben und Tod? Klar, wer sich beim Berlin Marathon an die Startlinie stellt und sich Siegchancen ausrechnet, der ist entweder ein gut bezahlter Vollprofi mit vier Pacemakern um sich herum, oder er ist ein realitätsferner Vollpfosten, was ihm aber sicherlich im Laufe des Rennens selbst auffallen wird.

Wer allerdings regelmäßig fleißig trainiert und sich entschließt, beim Volkslauf vom Volksfest in Volkmarshausen anzutreten, der hat vielleicht tatsächlich Chancen, als allererster Läufer die Ziellinie zu überqueren. Dass es nur 48 weitere Mitläufer in Volkmarshausen gibt, muss man ja nicht ständig betonen, aber hey, man steht auf dem Podest ganz oben, bekommt einen Pokal und ist für ein paar Minuten ein Held, ein Star, ein Mensch, den andere für seine Sportlichkeit bewundern. Schöne Vorstellung, oder?

Und wenn man den Dreh dann raushat, dann läuft man nur noch bei den Veranstaltungen mit, bei denen man die Konkurrenz im Griff hat. Ach, was interessiert am Ende die Zeit, wichtig ist, dass der Gegner aus der eigenen Altersklasse besiegt wird. Die Vorbereitung auf einen Lauf besteht zu großen Teilen aus Recherche: Starterlisten werden studiert, Konkurrenten ausgemacht, alte Ergebnislisten werden gewälzt und Strategien für den richtigen Zeitpunkt der entsprechenden Überholmanöver werden festgelegt.

Psychologische Kriegsführung vor dem Startschuss ist ebenfalls enorm wichtig: "Och nö, ich habe eigentlich gar nicht trainieren können in den letzten zwei Monaten. Mal schauen, was heute so geht…" Der Gegner wird in Sicherheit gewiegt, um ihn schließlich beim Rennen gnadenlos in Grund und Boden zu laufen. Ist er überholt, gilt ein ganz wichtiger Grundsatz: Bloß nicht mehr umdrehen, denn das signalisiert Schwäche!

Jetzt sind sie nicht mehr bei mir? Zu unsympathisch? Nicht ihre Welt? Ja was denn nun? Ehrgeiziger Kämpfer oder Kollege auf Schmusekurs? Ach, Sie sehen sich auf dem gesunden Mittelweg. Im Grunde kämpfen Sie immer nur gegen sich selbst, gegen ihre eigene Uhr. #beatyesterday und so… Wenn Sie mit System und nach Plan trainieren, dann vor allem, um ihre persönliche Bestzeit auf einer bestimmten Strecke zu verbessern. Sehr löblich! Der Sekundenzeiger als Endgegner.

Aber was machen Sie, wenn Sie immer älter werden, noch immer gerne laufen, auch bei Wettkämpfen, aber einfach nicht mehr an die persönlichen Bestleistungen von früher rankommen? Dann sind Sie froh, dass es Altersklassenwertungen gibt, denn hier können Sie feststellen, ob Sie ihm Rahmen ihrer Möglichkeiten eher gut oder eher schlecht abgeschnitten haben. Und ehe Sie sich versehen, stehen Sie doch auf einem Podest und halten einen Pokal nach oben, denn Sie haben die AK 55 gewonnen. Und ich kann Ihnen sagen: Sie werden dieses Gefühl lieben. Ja, es wird Sie süchtig machen.

Ist das schlimm? Schlimm ist, wenn man nicht die richtige Haltung findet. Ich gebe zu, Männer sind da irgendwie oft die besseren Sportler, was Haltung und Charakter betrifft. Es mag klischeehaft klingen, aber ich beobachte oft, dass Männer zusammen trainieren, dabei nicht besonders viel reden, sich abklatschen; sie stehen nebeneinander an der Startlinie, sind plötzlich ganz bei sich, machen ihr Rennen, kämpfen bis aufs Blut, gewinnen oder verlieren gegen den anderen Läufer, klatschen sich im Ziel wieder ab und gehen gemeinsam ein Bier trinken.

Frauen trainieren hingegen öfter getrennt voneinander, quasseln aber wie die Wasserfälle, wenn sie aufeinandertreffen, beäugen sich dennoch skeptisch und heimlich gegenseitig, erzählen sich an der Startlinie, wie wenig sie aktuell draufhaben, kämpfen unterwegs dennoch sehr verbissen gegen die Konkurrentin, um ihr dann im Ziel möglichst schnell aus dem Weg zu gehen, und zwar unabhängig davon, ob sie gewonnen oder verloren hat. Gut, so geht es vor allem unter den Frauen zu, die ständig vorne mitlaufen.

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