19.11.2018 
Schweres mit Leichtigkeit meistern

Was wir von Extremsportlern lernen können

Von Michele Ufer
Lorraine Huber, Freeride-Weltmeisterin 2017, mal in einem etwas anderen Renn-Outfit.
Alexkaiser.at
Lorraine Huber, Freeride-Weltmeisterin 2017, mal in einem etwas anderen Renn-Outfit.

Flow: Das gänzliche, selbstvergessenen Versinken in der Handlung, bei dem nur das Hier und Jetzt zu zählen und alles andere in Vergessenheit zu geraten scheint. Ein Moment, der gekennzeichnet ist durch das völlige Eintauchen in die und das Verschmelzen mit der Tätigkeit, bei dem man gefordert ist und dennoch die Dinge unter Kontrolle hat, bei dem die Handlungssteuerung intuitiv und wie auf Autopilot funktioniert, während alle störenden Reize ausgeblendet werden und die Dinge einfach zu fließen scheinen.

Flow wird in der Regel als sehr positiv und angenehm wahrgenommen. Das Gefühl, die Dinge völlig unter Kontrolle zu haben, die eigenen Fähigkeiten perfekt auszuschöpfen und mit Leichtigkeit eine Herausforderung zu meistern, führt zu einer tiefen Befriedigung und Zufriedenheit bis hin zu regelrechten Glücksgefühlen. Je öfter und intensiver wir Flow erleben, desto besser sind in der Regel auch unser allgemeines Wohlbefinden, unsere Gesundheit und die allgemeine Lebenszufriedenheit.

Aber in unserer Leistungsgesellschaft geht es oft nicht nur ums Wohlfühlen, sondern auch um Ergebnisse und Resultate. Wie sieht es da aus? Flow gilt aufgrund des starken Fokus, des großen Maßes an erlebter Kontrolle und des intuitiven Handlungsablaufs als hochfunktionaler Zustand. Da scheint es naheliegend, dass sich Flow positiv auf die Leistung auswirkt. Und wenn Menschen über persönliche Höchstleistung berichten, erzählen sie tatsächlich häufig von Zuständen des konzentrierten aber mühelosen Gelingens, wo Dinge "wie in Trance" ablaufen, wo selbst große Herausforderungen mit einer gewissen Leichtigkeit wie von allein und ohne darüber nachzudenken bewältigt werden.

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Darüber hinaus wirkt sich Flow auch über Umwege auf die Leistung aus. Flow wird als ausgesprochen angenehm erlebt. Da ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Zustand erneut angestrebt wird. Flow wird somit zu einer wichtigen Motivationsquelle, um sich immer wieder in entsprechende Tätigkeiten zu begeben. Wir lernen und können Schritt für Schritt unser Fähigkeitsniveau ausbauen. Diese kontinuierlichen Trainingseffekte wirken sich positiv auf das Leistungsvermögen aus. Das wissen wir alle.

Aber wie kommt man in den Flow?

Was viele aber nicht wissen, ist, wie man in den Flow kommt. Wie wir gesehen haben, gibt es gute Gründe, mehr Flow ins Leben zu bringen. Nur: Wie können wir das anstellen? Viele Sportler berichten, dass Flow bei ihnen eher zufällig auftritt und nicht oder kaum im Bereich ihrer Kontrolle liegt. Die Forschung und auch die Erfahrungen aus meiner Coachingpraxis zeigen jedoch eines sehr deutlich: Wie oft und intensiv wir Flow erleben, wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst, die wir selbst in der Hand haben.

Um in den Flow zu kommen, ist zunächst vor allem eines nötig: die virtuose Gratwanderung zwischen Angst und Langeweile. Was genau hat das zu bedeuten? Flow tritt lediglich in einem sehr begrenzten Bereich ein, wo sich die Schwierigkeit der Aufgabe und die eigenen Fähigkeiten in einer optimalen Balance befinden. Hieraus ergibt sich die Darstellung des sogenannten Flow-Kanals. Nur wenn wir uns innerhalb dieses schmalen Bereichs befinden, kann das Gefühl des selbstvergessenen, mühelosen Gelingens, der völligen Konzentration und des Verschmelzens mit der Tätigkeit entstehen. Dann befinden wir uns im "Tunnel". Zu wenig Stress - man könnte auch sagen zu viel Entspannung - ist also genauso wenig Flow-förderlich wie ein Zuviel an Stress. Wenn wir an Stress denken, hat das oft eher einen negativen Anstrich. Zu Unrecht, denn der eigentliche Sinn von Stress ist die Erhöhung unserer Leistungsfähigkeit. Insofern sind Stress bzw. Nervosität nicht per se schlecht. Die Dosis macht's.

Das Streben nach immer mehr Flow kann aber auch zu einer permanenten, übermäßigen Ausschöpfung der eigenen Ressourcen führen. Da kommt die Regeneration schnell zu kurz. Übertraining infolge des Strebens nach Flow als einer der Gründe für erhöhte Verletzungsanfälligkeit?

Gut möglich. Darüber hinaus kann durch ein intensives Flow-Erleben, das ja unter anderem mit einem erhöhten Gefühl der Kontrolle bei gleichzeitigem Ausblenden von Umfeldinformationen und verringerter (Selbst-) Reflexivität einhergeht, die Risikowahrnehmung getrübt und die Gefahr der Selbstüberschätzung erhöht sein. Studien aus den Bereichen Klettern, Motorrad- und Kajak-Fahren zeigen dies eindrücklich: Je intensiver das Flow-Erleben, desto geringer ist das Angstniveau ausgeprägt und desto eher widersprechen Sportler in ihrem tatsächlichen Handeln den zuvor selbst formulierten Sicherheitsstandards. Bei risikoreichen Projekten kann Selbstüberschätzung oder ein mangelndes Gespür für die situativen Gegebenheiten schnell zu folgenschweren Fehleinschätzungen führen. Im Rahmen der Vorbereitung könnte eine Diskussion über die möglichen Tücken des Flows und wie man ihnen begegnen mag, gut investierte Zeit sein.

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