16.11.2018 
Wie Vernetzung uns vergiftet

Das Privileg, offline zu sein

Von Tobias Hürter, "Hohe Luft"
REUTERS

Gerade noch war es angesagt, bestmöglich vernetzt zu sein. Doch das überfordert viele Menschen inzwischen. Einige ziehen sich bewusst aus der digitalen Welt zurück, melden sich aus sozialen Netzwerken ab und preisen das Analoge. Ist das der richtige Weg? Gibt es einen anderen?

Einst gab es Aussteiger. Jetzt gibt es Ausschalter. Einer von ihnen ist Anthony, ein Brite, der früher in London lebte und als Broker in der Innenstadt arbeitete. Er scheffelte Geld, war ständig unter Strom und immer online. Unablässig machte sein Handy "bling", und Anthony entschied blitzschnell: kaufen, verkaufen, halten.

Hohe Luft kompakt
Ausgabe 2/2018

Philosophie und Wirtschaft

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Eines Tages reichte es ihm. "Ich wollte zur Natur zurückkehren", sagt er, "empfänglich sein für das, was um mich herum geschieht. Wir sehen eine zersplitterte Welt. Menschen wenden sich ab, weil sie mit Internet-Diensten zugedröhnt werden. Technologie ist eine Scheinwelt, in der Bindungen und Verpflichtungen zu Spielzeug werden. Sie scheuen die Langstrecke, wie Schmetterlinge, die immer nur hier und dort hineinschnuppern und weiterflattern." Anthony zog aus London weg aufs Land und wurde Holzfäller.

Digital Detox: Tricks für eine bessere Phone-Life-Balance

Inzwischen hat wohl jeder begriffen, dass Handys und andere Mobilgeräte, inklusive Facebook, Twitter, Instagram und Snapchat, uns viel Zeit kosten. Aber es geht nicht nur um die Zeit. Der zu befürchtende Schaden ist noch größer: Informationsüberflutung, soziale Vereinsamung in der wirklichen Welt durch Überforderung in der digitalen, Stress - wann hat man zuletzt einfach mal nichts getan? Es geht längst nicht mehr nur um Wohlbefinden und Dauerbelästigung. Es geht um psychische Gesundheit - und physische.

Und selbst wenn man die Gesundheitsgefahren einmal außer Acht lässt - die Hypervernetztheit verändert unser Leben. Je mehr Freunde jemand im Netz hat, desto weniger wirkliche hat er. "Je weniger "wirklich" das Leben eines Menschen ist, desto weniger wirklich sind seine Beziehungen", sagt die englische Soziologin Mariann Hardey von der Durham University in Nordostengland.

Es hat einen fundamentalen Umbruch in unserem Verhältnis zu unseren technischen Geräten gegeben. Noch vor ein paar Jahren ging es darum, sich immer weiter zu vernetzen, immer und überall online erreichbar zu sein. Jetzt geht es darum, sich abzugrenzen. Offline zu sein ist ein Privileg geworden.

Dieser Umbruch hat auch eine philosophische Dimension. In der westlichen Philosophie gibt es eine Denktradition, der zufolge es so etwas wie "zu viel Information" gar nicht geben kann - Information ist gut, je mehr desto besser. Utilitaristen wie John Stuart Mill (1806-1873) waren überzeugt, dass Information stets zum Wohlergehen beiträgt, weil sie uns zu besseren Entscheidungen befähigt, um uns selbst und andere glücklich zu machen. Information hat demnach instrumentellen Wert. Andere Denker halten Information für einen Wert an sich: Sie ist der Rohstoff des Wissens und der Erkenntnis, und die gehören beide zu einem gelungenen Leben.

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