02.04.2018 
Neue Bediensysteme im Auto

Die digitalen Alleskönner kommen

Fabian Hoberg/dpa-tmn

Digitale Instrumente verdrängen immer öfter klassische analoge Anzeigen. Denn nach Meinung der Experten werden digitalisierte Innenräume für Kunden wichtiger. Künftige Bedienelemente können deshalb weit mehr als nur die Geschwindigkeit anzeigen.

Die Zeit war 1974 einfach noch nicht reif. Denn als der erste Citroën CX auf den Markt kam, irritierte sein Trommel- oder Walzentacho unter einer Lupe viele Fahrer beim Ablesen der Geschwindigkeit. Nach einer Generation musste 1985 die Anzeige wieder klassischen Rundinstrumenten weichen. Opel schickte 1985 den Kadett GSi mit einem LCD-Tacho auf die Straße, Anfang der 1990er war es auch damit vorbei.

Digitale Tachos in Autos sind nicht neu. Doch erst mit schnelleren LCD-Monitoren zog vor ein paar Jahren die Anzeigentechnik in mehr Fahrzeuge ein. Mittlerweile zählen Displays zum guten Ton der Oberklasse - und bald kommen sie auch bei bezahlbaren Kompaktwagen zum Einsatz. Die digitalen Alleskönner zeigen mehr als Geschwindigkeit, Motordrehzahl und Reichweite an. Sie geben Infos etwa über Wetter, Strecke, Verkehr, Musik und Telefon. "Digitale Anzeigen machen Autofahren sicherer, denn 90 Prozent aller Sinneseindrücke nehmen Menschen über ihre Augen wahr", sagt Sajjad Khan, Vice President Digital Vehicle und Mobility bei Daimler .

Die Stuttgarter verzichten in der neuen A-Klasse auf analoge Anzeigen. Ab Anfang Sommer schauen Insassen auf zwei nebeneinander liegende 7-Zoll-Monitore. Gegen Aufpreis baut Mercedes ein bis zwei rund 10 Zoll große Displays ein. Die bieten verschiedene Anzeigemodi und lassen sich je nach Ausstattung selbst konfigurieren.

Zwei Jahre entwickelten die Techniker an der Lösung, setzten dafür einen schnellen Prozessor ein. Wichtig seien nicht nur die Größe des Displays und die unterschiedlichen Darstellungsmöglichkeiten, sondern vor allem die Reaktionsfähigkeit. "Kein Benutzer will heute Sekunden auf eine Antwort warten, die muss in Echtzeit kommen", sagt Khan. Das gelte für die Berührung, den optischen Aufbau der Karte sowie für die natürliche Sprachsteuerung. Damit das System regelmäßig aktualisiert wird, werden Updates wie bei einem Smartphone automatisch eingespielt.

Noch ist nicht klar, wie Autofahrer auf die Sprachsteuerung reagieren. Deshalb lässt sich das System von Mercedes über Lenkrad, Monitor und Trackpad in der Mittelkonsole bedienen. "Für jeden von uns ist die Bedienung über Sprache aber schon eine natürliche Bedienungshilfe, die weiter zunehmen wird", sagt Khan. Über "Hey Mercedes" und einen freien Dialog lässt sich die neue Mercedes-Benz User Experience (MBUX) steuern, ähnlich wie bei Apples Siri, Amazons Alexa oder Google Home.

Beim neuen chinesischen Hersteller Byton besteht das Cockpit einer Studie aus einem 1,25 Meter breiten und 25 Zentimeter hohen Monitor. Es lässt sich per Berührung, aber auch über Gesten, Gesichtserkennung und die Stimme bedienen. Ein zusätzlicher Tablet-Computer in der Mitte des Lenkrads gibt Infos über Geschwindigkeit und Zustand des Autos. "Der Monitor lässt sich individuell bespielen und in drei Bereiche einteilen", sagt Henrik Wenders von Byton. Videofilme, Navi-Infos oder ein Gesundheitsprogramm erscheinen im Display. Bytons Kombination von Elektroauto und Computer soll 2019 auf den chinesischen Markt kommen, Ende 2020 auch in Deutschland.

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Zulieferer wie Continental , Bosch, Faurecia, Valeo oder ZF entwickeln eigene Systeme. Bosch setzt auf zwei digitale Cockpits, die sich per Berührung oder Sprache steuern lassen. Der Touchscreen hat eine haptische Rückmeldung, 3D-Elemente am Displayrand lassen sich wie Schieberegler bedienen, Knöpfe werden so überflüssig. Continental bietet künftig Systeme mit dreidimensional verformtem Touchdisplay.

ZF plant mit dem Concept 2020 ein digitales Cockpit mit wenig Knöpfen. Ein 12-Zoll-Monitor stellt alle Infos bereit. In einem Selbstdiagnoseprogramm zeigt eine 3D-Grafik, wo das Auto defekt ist. Eine Anzeige ähnlich dem künstlichen Horizont bei Flugzeugen erfasst den Status aller Assistenzsysteme. "Der Fokus liegt in der Vereinfachung der Darstellung. Die visuelle Kommunikation zum Fahrer soll so intuitiv wie möglich sein", sagt Uwe Class, Leiter integrierte Fahrzeugsicherheit in der Vorentwicklung bei ZF. Die Befehlseingabe könnte aber auch bei einem Serieneinsatz neben der manuellen Bedienung zusätzlich über Sprachsteuerung erfolgen.

Dieter Nazareth, Dekan der Fakultät Informatik an der Hochschule Landshut, sieht künftig Sprachsteuerungen wie Siri und Alexa im Auto. "Der Trend geht dahin, denn es ist die primäre Kommunikation des Menschen", sagt der Experte für Automotive Software. Für ihn sei bei modernen Autos unverständlich, dass es noch klassische Kombiinstrumente mit mechanischen Zeigern gebe. "Displays sind flexibler, darauf lassen sich mehr Informationen darstellen." Vor allem, wenn die künftig großflächig eingebaut werden können und deren Software sich einfach aktualisieren lässt.

Ganz werden Autofahrer aber auf Displays nicht verzichten müssen. Nazareth schätzt, dass Hersteller Sprache und Touchscreen kombiniert einsetzen werden. Gestensteuerung hält er dafür für unnatürlich. Und für kontinuierliche Werte wie Drehzahl oder Tempo bräuchten Autos eine visuelle Darstellung. "Kein Autofahrer will dauernd per Sprache die Infos erhalten." Dafür sei die Sprachsteuerung bei Ereignissen wie Glatteis oder dem Erreichen der Tankreserve sinnvoll.

Ob sich Autofahrer daran gewöhnen, weiß derzeit noch keiner der Experten. Vielleicht ist die Technik noch ihrer Zeit weit voraus. So wie der Trommeltacho des Citroën CX vor rund 40 Jahren.

Fabian Hoberg, dpa

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