05.06.2018 
Liegefahrräder im Test

Radeln für das Sixpack

Von Hasnain Kazim, Spiegel Online
HP Velotechnik

Liegend durch die Welt fahren - diese Vorstellung begleitet unseren Autor seit Kindheitstagen. Jetzt, da der Rücken anfängt zu zwicken, hat er es erstmals gewagt und zwei Liegeräder getestet.

Als Kind, ich lag ein paar Tage mit Fieber im Bett und bekam ständig zu hören, ich müsse liegen bleiben, hatte ich einen Traum. Ich könnte liegend durch die Gegend radeln: durch das Dorf, in die nächste Stadt, um die ganze Welt. Das wäre zwar nicht ganz so schön, wie in einem Bett durch die Welt zu fliegen, wie Pippi Langstrumpf. Aber immerhin, fahren ist ja auch ganz okay. Ich stellte mir vor, mein Bett habe Räder und Pedalen.

Jahre später fielen mir Liegeräder auf: mit meist älteren Männern darauf, die sich relativ schnell fortbewegten. Ich fühlte mich an meinen Kindheitstraum erinnert: liegend die Welt zu erkunden. Aber da ich finde, dass Fahrradfahren nicht nur eine hocheffiziente und zugleich umweltschonende Fortbewegungsart ist, sondern auch eine ästhetische Angelegenheit, verwarf ich die Sache mit den Liegerädern sogleich. Irgendwie wirkten die albern auf mich. Mit meiner Wahrnehmung scheine ich nicht allein zu sein: Das Fahrrad feierte im vergangenen Jahr seinen 200. Geburtstag. Liege- beziehungsweise Sesselräder gibt es seit etwa 1890, durchgesetzt haben sie sich nie. Bis heute sind sie ein Nischenprodukt.

Weitere Jahre später, als nach einer längeren Radtour der Hintern wehtat und der Rücken zwickte, kamen mir diese Gefährte wieder in den Sinn. Sollten die nicht schonend für Po und Rücken sein? Ästhetik hin oder her, ich lieh mir zur Probe zwei Liegeräder: das Kettwiesel Spezial der Firma Hase Bikes aus Waltrop im Kreis Recklinghausen, ein dreirädriges Modell mit 20-Zoll-Rädern, außerdem eine Streetmachine Gte mit zwei Rädern (20 Zoll vorne, 26 Zoll hinten) von HP Velotechnik aus Kriftel bei Frankfurt am Main.

Einmal in Schwung, geht es mit Karacho voran

Um es gleich vorwegzunehmen: Das sind zwei grundverschiedene Fahrzeuge. Wer sich also für ein Liegerad interessiert, sollte sich gut beraten lassen, ausgiebig testen und sich klar werden, wozu er oder sie so ein Ding benötigt. Gemein haben sie nur, dass sie mir gleich auf den ersten Metern unmissverständlich klargemacht haben, dass meine Bauchmuskulatur mehr oder weniger verkümmert ist.

Radelt man im Liegen - eigentlich sitzt man auf beiden eher -, werden zum Teil andere Muskeln beansprucht als beim normalen Fahrradfahren, unter anderem die Bauchmuskeln. Blöd, wenn man die ein paar Jahrzehnte nicht mehr benutzt hat. Aber gut, umso besser, dass man sie nun mit dem Liegerad zu neuem Leben erwecken kann. Ich verzichte daher auf den E-Motor, den es heute für nahezu alle Modelle gibt. Auf zum Sixpack!

Das Kettwiesel ist mit der dicken Bereifung eine Art Geländefahrzeug. Es macht Spaß, damit über Steine, Wurzeln und Schlaglöcher zu brettern. Auf Feld- und Waldwegen und auf Schotterpisten ist man gelassen unterwegs. Und da es ein Dreirad für Erwachsene ist, kann man einfach mal anhalten und in den Himmel gucken oder an einer schönen Stelle stehen bleiben und ein Buch lesen. Ideal ist es auch für Menschen, die sich auf einem normalen Fahrrad eher unsicher fühlen, weil es ihnen zu wacklig ist. Man sitzt etwa einen halben Meter über dem Boden, Gepäck kann man in einer eigens fürs Kettwiesel angebotenen Tasche mitnehmen. Gesamte Zuladung, also Fahrer und Fracht: 120 Kilogramm.

Gleichwohl: Das Gefährt selbst wiegt mehr als 30 Kilogramm, ist, je nach Größeneinstellung (die vordere Stange mit der Tretkurbel lässt sich je nach Beinlänge ausfahren) bis zu 2,21 Meter lang und hat mit etwa dreieinhalb Metern nicht gerade einen kleinen Wendekreis. Bis man also Fahrt aufgenommen hat, braucht man ein bisschen. Einmal in Schwung, geht es, Stichwort: Trägheit der Masse, mit Karacho voran.

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