15.12.2017  Am Ende des Tages

Mein Freund, der Legionellen-Mann

Eine Glosse von
Tatort Trinkwasser: Vor Legionellen wird gewarnt.
DPA
Tatort Trinkwasser: Vor Legionellen wird gewarnt.

Heute früh habe ich mal wieder meinen neuen besten Freund getroffen. Schon vor drei Wochen hatte er seinen Besuch mit einem Brieflein angekündigt. Zur Erinnerung auch noch eine hübsche blaue Postkarte an den Eingang zu unserer Wohnanlage geklebt. Und dann rief auf noch seine Sekretärin an, um zu fragen, ob der Termin wirklich noch steht. Also jetzt mal ehrlich, wo trifft man heute noch so höfliche und fürsorgliche Leute?

In digitalen Zeiten tippt ein Gast doch höchstens eine kurze Whatsapp mit seiner Ankunftszeit. Die sich dann natürlich noch mindestens dreimal ändert. Schließlich ermöglichen die tausend verschiedenen Kommunikationskanäle spontane Planänderungen: Man kann immer 10 Minuten vor dem vereinbarten Termin das Treffen absagen, weil sich etwas Attraktiveres oder Wichtigeres ergeben hat oder das graue Winterwetter ein Verlassen des heimischen Sofas schlicht unmöglich macht. Wer kurz einen Bescheid gesendet hat, ist definitiv exkulpiert, besonders wenn die Nachricht mit drei betrübten Emojis und fünf Herzchen dekoriert war.

Dass der Gastgeber das Essen schon fertig im Ofen stehen hat, geschenkt. Das kann er ja auf einer Meal-Sharing-Plattform anbieten und lernt vielleicht so ein paar unglaublich spannende neue Freunde kennen. Und überhaupt, hätte er halt mal auf der Facebook-Timeline seines Gastes nachgesehen. Dann wären ihm bestimmt die hübschen Fotos mit der dampfenden Teetasse und der kuscheligen Jogginghose auf der gemütlichen Couch aufgefallen. Dem Digital Native wäre sofort klar gewesen: Mit dem gemeinsamen Abendessen wird es heute nichts. Aber der hätte auch nicht selbst gekocht sondern erst nach der echt analogen Ankunft des Kumpels eine Pizza beim Lieferdienst bestellt.

Aber ich schweife ab. Mein Gast war heute früh jedenfalls pünktlich. Schlag 10.30 Uhr klingelte der nette Mann mittleren Alters an meiner Haustür. In der einen Hand hielt er wie immer seinen Tablet-Rechner, in der anderen das obligatorische Eimerchen. Seine Mission: Wasserproben nehmen. Er muss überprüfen, dass die bösen Legionellen endlich aus unserem Trinkwasser verschwunden sind. Und das mittlerweile zum gefühlt fünfzigsten Mal.

Denn die ab 14. Dezember 2012 geltende novellierte Trinkwasserverordnung besagt, dass der Test in sämtlichen Wohnungen im gleichen Zeitfenster von wenigen Stunden stattfinden muss. Ein einziges Apartment darf fehlen. Aber wehe, der Legionellen-Mann wird auch in einer zweiten Behausung nicht eingelassen. Dann muss er sämtliche bisher genommenen Proben "verwerfen" - sprich in den Gulli vor der Haustür schütten. Was er mir mit nur sehr eingeschränktem Bedauern bei unserem üblichen Plausch über die tieferen Geheimnisse des Warmwassers in Wohnanlagen anvertraut.

Ich habe bei seinen regelmäßigen Besuchen jedenfalls schon wirklich viel gelernt: Fiese Tricks der Vermieter zum Beispiel, die ihre Bewohner auffordern, vor Erscheinen des Prüfers schon mal das Wasser länglich laufen zu lassen. Das soll die gruseligen Bakterien rausspülen, die sich in den Leitungen festklammern. Funktioniert aber gar nicht, weiß der Experte. Erhöht nur die Wasserrechnung. Aber mit der hat der Investor ja nichts zu tun.

Superknausrige Eigentümer, die die Grundtemperatur des Warmwassers an der Heizungsanlage zu niedrig einstellen, um ein paar Euro Nebenkosten zu sparen. Was übrigens meist der Auslöser für das Problem ist. Lauwarme Brühe lieben die Legionellen. Bei echten Heißwasser sterben die bösen Bakterien ab. Ich sag's ja immer: Sparsamkeit killt.

Mittlerweile ist bei uns in der Anlage, die Wasserheizung hochgestellt. Die Legionellen sind bei uns schon längst verdampft. Das versicherte mir Mr. Legionella auf meine ängstliche Nachfrage mit Ehrenwort. Aber bei vier Häusern mit jeweils 10 Wohnungen mindestens 39 Türen geöffnet zu bekommen? Zur besten Arbeitszeit? Mmmmmmhhhh, der Legionellenmann wird wohl Stammgast werden.

Mir soll es Recht sein. Schließlich kann ich dank allgemeiner Vernetzung Homeoffice einplanen, wenn er sich avisiert. Und wie herrlich ist es doch bei Nebel und Temperaturen um den Gefrierpunkt mit heißer Schoki und Schlamperhose samt Laptop auf dem Sofa zu lungern. So lasse ich mir das digitale Leben eingehen.

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