15.05.2018  DFB-Spieler reagiert auf Kritik

Gündogan nennt Erdogan-Treffen "Geste der Höflichkeit"

Gündogan und Erdogan in London
DPA
Gündogan und Erdogan in London

Fußball-Nationalspieler Ilkay Gündogan hat zu seinem umstrittenen Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan Stellung genommen und die Bedeutung herabgespielt. In einer Erklärung des 27-Jährigen, die die "Bild"-Zeitung auf ihrer Homepage veröffentlichte, heißt es: "Es war nicht unsere Absicht, mit diesem Bild ein politisches Statement abzugeben, geschweige denn Wahlkampf zu machen. Als deutsche Nationalspieler bekennen wir uns zu den Werten des DFB und sind uns unserer Verantwortung bewusst. Fußball ist unser Leben und nicht die Politik."

Ilkay Gündogan und sein Nationalmannschafts-Kollege Mesut Özil hatten Erdogan am Sonntag in London getroffen und bei einem Fototermin handsignierte Trikots ihrer Vereine Manchester City bzw. FC Arsenal überreicht. Gündogans hellblaues Trikot mit der Nummer acht war vom Spieler signiert: "Mit großem Respekt für meinen Präsidenten."

Reinhard Grindel, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), hatte diese Aktion am Montag gerügt. "Der Fußball und der DFB stehen für Werte, die von Herrn Erdogan nicht hinreichend beachtet werden", schrieb Grindel bei Twitter. "Deshalb ist es nicht gut, dass sich unsere Nationalspieler für seine Wahlkampfmanöver missbrauchen lassen."

Gündogan führt aus, dass sie am Sonntag "eine Veranstaltung einer türkischen Stiftung in London" besucht hätten. "Wir finden es gut, dass es eine Stiftung gibt, die türkische Studenten im Ausland fördert und ihnen damit eine internationale Karriere ermöglicht", schrieb der Mittelfeldspieler.

Man habe den türkischen Staatspräsidenten am Rande der Veranstaltung getroffen. "Aus Rücksicht vor den derzeit schwierigen Beziehungen unserer beiden Länder haben wir darüber nicht über unsere sozialen Kanäle gepostet. Aber sollten wir uns gegenüber dem Präsidenten des Heimatlandes unserer Familien unhöflich verhalten? Bei aller berechtigten Kritik haben wir uns aus Respekt vor dem Amt des Präsidenten und unseren türkischen Wurzeln - auch als deutsche Staatsbürger - für die Geste der Höflichkeit entschieden", erklärte Gündogan.

Führende Politiker haben sich unterdessen der Kritik an dem Treffen von Gündogan und Özil mit Erdogan angeschlossen. Bundestagsvizepräsident Hans-Peter Friedrich (CSU) sagte der "Bild"-Zeitung, es sei befremdlich, sich "vor den Wahlkampfkarren eines ausländischen Politikers spannen zu lassen, der sich vor Kurzem noch abfällig über Deutschland geäußert hat".

Annette Widmann-Mauz, Staatsministerin für Integration im Bundeskanzleramt, nannte das Treffen in London via Twitter "eine schiefe Verbeugung", die für das Gegenteil dessen stehe, was der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in seiner Kampagne für Respekt und Toleranz vertrete. Auf diese Diskrepanz hatte DFB-Präsident Reinhard Grindel bereits energisch hingewiesen.

Gündogan, Özil und Cenk Tosun (rechts) zu Besuch bei Erdogan
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Gündogan, Özil und Cenk Tosun (rechts) zu Besuch bei Erdogan

Die CSU twitterte: "Wer das Trikot der Nationalmannschaft trägt, sollte sich zu den Werten unseres Landes bekennen und nicht Wahlkampf für Despoten machen, die die Pressefreiheit und Menschenrechte einschränken." Einen Schritt weiter ging die rechtspopulistische AfD, deren Fraktionsvorsitzende Alice Weidel mit Blick auf die WM in Russland forderte: "Özil und Gündogan zu Hause lassen."

Am Dienstag werden beide im Dortmunder Fußball-Museum höchstwahrscheinlich von Bundestrainer Joachim Löw in den WM-Kader der Nationalmannschaft berufen.

Cem Özdemir, langjähriger Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen und wie Özil und Gündogan türkischstämmig, hatte dem SID am Montag gesagt: "Der Bundespräsident eines deutschen Nationalspielers heißt Frank-Walter Steinmeier, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und das Parlament heißt Deutscher Bundestag. Anstatt Erdogan diese geschmacklose Wahlkampfhilfe zu leisten, wünsche ich mir von den Spielern, dass sie sich aufs Fußballspielen konzentrieren." Er riet Özil und Gündogan, "noch einmal die Begriffe Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nachzuschlagen".

cr/dpa/sid

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