14.01.2017  Das neue Buch von "Big-Short"-Autor Michael Lewis

Dieser Mann weiß, welche Denkfehler Sie machen

Eine Rezension von
Weiß, wie Sie denken: Nobelpreisträger Daniel Kahneman
Getty Images for Burda Media
Weiß, wie Sie denken: Nobelpreisträger Daniel Kahneman

Auf den ersten Blick wirkt die Forschung von Daniel Kahneman und Amos Tversky trivial. Angenommen, jemand bietet Ihnen eine Wette an: Sie bekommen entweder 400 Euro, sofort, bar auf die Hand, oder aber eine 50-prozentige Gewinnchance auf 1000 Euro - was machen Sie?

Die meisten Menschen wählen die sicheren 400 Euro.

Müssten sie hingegen zwischen einem sicheren Verlust von 400 Euro und einer 50-Prozent-Chance auf einen 1000 Euro schweren Verlust wählen - sie würden sich zumeist für den Münzwurf entscheiden.

Buchtipp

Michael Lewis
Aus der Welt: Grenzen der Entscheidung oder Eine Freundschaft, die unser Denken verändert hat

Campus, 359 Seiten, gebunden, Januar 2017, 24,95 Euro

Jetzt kaufen

Kurze Gedankenspiele wie diese stehen im Zentrum der psychologischen Studien der beiden Israelis Kahneman und Tversky, den Protagonisten "Aus der Welt", des neuen Werks von Bestsellerautor Michael Lewis. Ist es wahrscheinlicher, dass eine Familie zunächst drei Jungen und dann drei Mädchen bekommt, oder dass auf ein Mädchen zwei Jungen, dann ein Mädchen, ein Junge und wieder ein Mädchen folgen? Ist eine extrovertierte 31-Jährige, die sich für den Feminismus einsetzt, eher Frauenbeauftragte oder Bankangestellte? Und was gibt es häufiger, Wörter, die mit einem "K" beginnen, oder Wörter, an deren dritter Stelle ein "k" steht?

All diese Fragen eint ein Umstand: Menschen beantworten sie in der Regel falsch; Kahneman und Tversky haben erforscht, warum. "Heuristiken" nennen sie die Faustregeln, die das Gehirn heranzieht, wenn ihm keine dezidierten Wahrscheinlichkeiten für Entscheidungen zur Verfügung stehen. "Verfügbarkeit" ist eine dieser Heuristiken: Weil uns schneller Worte einfallen, die mit einem "K" beginnen, überschätzen wir deren Anzahl (zumindest im Englischen gibt es doppelt so viele Wörter mit einem "k" an dritter Stelle).

Lewis schildert nun Leben und Karriere des ungleichen Duos: Kahnemans Kindheit in Frankreich und die Flucht seiner Familie vor den Nazis steht Tverskys Karriere bei Israels Fallschirmjägern gegenüber; ersteren zeichnet er als schüchternen, mal depressiven, immer distanzierten Kopfmenschen, "wie Woody Allen, nur ohne Humor"; Tversky hingegen sei genauso brillant, wie ihm soziale Konventionen egal gewesen seien.

Der Autor beschränkt sich dabei nicht nur auf ihren Aufstieg, sondern zeichnet auch die allmähliche Entzweihung der zwischenzeitlich fast schon verheiratet anmutenden Forscher nach. Bemerkenswert: Ausgerechnet Kahneman, der als Nobelpreisträger und Bestsellerautor ("Thinking, fast and slow") heute zu den bekanntesten Psychologen der Welt gehört, hat das Gefühl, zu kurz zu kommen - während der 80er und 90er Jahre scheint sein Kollege den Löwenanteil an Ruhm und Preisen abzugreifen. Die ausbleibende Anerkennung ist es auch, die der gemeinsamen Arbeit schließlich ein Ende setzt - kurz vor Tverskys plötzlichem Krebstod.

"Aus der Welt" kommt nicht ganz so rasant daher wie Lewis' ältere Bücher "Big Short" oder "Flash Boys", die beide veritable Wirtschafts-Thriller abgeben.

In wichtigen Punkten ähnelt es den Frühwerken aber dennoch: Lewis verwebt trockenere Passagen so gekonnt mit vielen Anekdoten aus der persönlichen Geschichte seiner Protagonisten, dass der Leser wie im Vorbeigehen Wichtiges aus Psychologie und israelischer Geschichte lernt. Das macht das Buch selbst für diejenigen Leser interessant, die die wissenschaftlichen Errungenschaften der beiden bereits aus Kahnemans Bestseller "Thinking, fast and slow" kennen.

Nachrichtenticker

Leser-Empfehlungen