31.08.2016  Bürgerentscheid über 104-Meter-Hochhaus auf Rügen

Der Turmbau zu Prora

Von
DPA/Drebing Ehmke Architekten

Mit architektonischen Rekorden kennt man sich in Prora aus. Die Gemeinde, die zu Binz auf Rügen gehört, ist Standort des längsten Bauwerks der Nationalsozialisten - der 4,5 Kilometer lange "Koloss von Prora" sollte einst als Ferienanlage der "Kraft- durch-Freude"-Bewegung dienen. Mittlerweile sind die Blöcke zu großen Teilen in Ferienwohnungen umgewandelt worden.

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Etliche davon gehören dem Binzer Bauunternehmer Jürgen Breuer, der nun einen neuen Kontrapunkt zu den langen Bauriegeln setzen will: 500 Meter vom Strand entfernt soll ein 104 Meter hoher Wohnturm entstehen - das wäre Mecklenburg-Vorpommerns höchstes Wohngebäude. Aus dessen oberen Etagen würde der Blick über die ehemaligen Nazi-Bauten hinweg weit über die Ostsee schweifen.

Das gefällt nicht allen Bürgern. Es gibt eine breite Front gegen das Vorhaben. In einer Online-Petition sprachen sich 1750 Einwohner gegen den Turm aus. Hoteliers fürchten neue Konkurrenz, Landesarchitektenkammer und Tourimusverband sehen Baukultur und Naturkulisse bedroht.

Nun soll ein Bürgerentscheid über den Turm richten: Am 4. September, parallel zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, stimmen die Bürger ab, ob sie den Turm wollen. Laut Kommunalverfassung sind solche Entscheide allerdings nicht bindend für Bauplanungen; also geht es nun formell nicht darum, ob hier ein Turm gebaut werden darf, sondern nur darum, ob die Gemeinde das Grundstück an Breuer verkaufen darf.

Der will aber in jedem Fall das Votum akzeptieren und nur bauen, wenn es genug Rückhalt für den Turm gibt. Bis zur Jahrtausendwende stand eine Grundschule auf dem gut 13.000 Quadratmeter großen Grundstück, für das die Gemeinde seither einen Käufer sucht. Mehrere Versuche scheiterten. 3,5 Millionen Euro würde Breuer für das Grundstück zahlen. Im Erdgeschoss sollen Läden einziehen, darüber mehrere Etagen als Hochgarage dienen - und ab dem sechsten Stockwerk, wo der Blick schon frei ist, würden 100 Wohnungen entstehen.

In Travemünde, feinste Ostseelage, sieht man, wie sehr ein einzelner Hochbau einen Badeort dominieren kann. Dort wirft seit den frühen 70er Jahren das 119 Meter hohe Maritim-Hotel seinen Schlagschatten direkt auf den breiten Sandstrand. Wer nicht gern in praller Sonne liegt, weiß das durchaus zu schätzen. Aber unter vielen Gästen gilt das Maritim besonders deshalb als gute Adresse, weil ein Zimmer in dem riesigen Klotz die einzige Möglichkeit bietet, selbigen nicht andauernd anschauen zu müssen.

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