12.03.2019 
Wie Anleger vom technologischen Wandel profitieren

Jetzt die Spur wechseln!

Ein Gastkommentar von Werner Hedrich
DPA

Noch nie war die Zeit günstiger, in die Zukunft zu investieren, denn die Karten werden in vielen Industrien gerade neu gemischt. Geschwindigkeit und Wucht des technologischen Wandels nehmen stark zu. Es gibt kaum eine Branche, die nicht direkt oder indirekt davon betroffen ist.

Was mit Zeitungen, Büchern, Musik und Warenhäusern begann, geht mit der Automobilindustrie weiter: Die Digitalisierung krempelt eine Branche nach der anderen um. Um sein Anlageportfolio auf diese Entwicklungen auszurichten, reicht ein Jahresausblick nicht. Die Wachstumsraten von zukunftsorientierten Geschäftsmodellen sind vielversprechend. Jedes Portfolio profitiert, wenn mehr intelligente Technologien und innovative Unternehmen berücksichtigt werden. Der vorausschauende Anleger richtet daher sein Radar weiter nach vorn: Welche Technologien bringen uns dringende und erwünschte Verbesserungen für Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt?

Portfolio auf Zukunft drehen

Werner Hedrich
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    Globalance
    Werner Hedrich leitet die Vermögens-verwaltung Globalance Invest in München. Zuvor war er 14 Jahre CEO und Head of Research bei Morningstar für Deutschland und Österreich. Das Ziel von Globalance Invest ist, Geld in Unternehmen anzulegen, die die Welt weiterbringen und Lösungen für die großen Herausforderungen bereitstellen.

Die durchschnittliche Lebenserwartung einer Firma beträgt heute nur noch 15 Jahre, während es in den 1950ern noch ganze 60 Jahre waren. Auch die Innovationszyklen werden dramatisch kürzer. Ein zehnjähriger Innovationszyklus bringt Entwicklungen, die sich anfühlen, wie früher das Ergebnis aus 100 Jahren Forschung. Endlich werden nicht-erneuerbare fossile Brennstoffe durch erneuerbare Energien ersetzt. In den späten siebziger Jahren kostete eine Kilowattstunde Strom aus Solartechnologie noch mehr als 80 US-Dollar. Heute produziert die amerikanische Nevada Power - eine Gesellschaft von Warren Buffet - die Kilowattstunde für 2,15 Cents.

Die Digitalisierung hat in zahlreichen Branchen eine neue, strukturelle Tiefe erreicht: Nicht nur erneuerbare Energien werden massiv günstiger, auch Elektromobile, Batterietechnologien, Cloud- und Rechnerkapazitäten oder 3-D-Drucker verändern ganze Wertschöpfungsketten. Der Wettkampf um die besten Innovationen ist längst entbrannt. Und im Finanzbereich lassen neue Bezahlsysteme etablierte Banken alt aussehen.

Die deutsche Autoindustrie hat sich verfahren

Eine solche Disruption hinterlässt Gewinner und Verlierer, auch in einer etablierten Branche wie der Automobilindustrie. Sie wartet momentan noch mit weltweit hohen Verkaufszahlen auf, aber das dürfte sich bald ändern. Experten gehen davon aus, dass die erfolgsverwöhnte Branche mit mindestens fünf Jahren Verspätung auf der Innovationsstraße unterwegs ist. Deutschland erlebt gerade seinen "Kodak-Moment", denn Geschwindigkeit und Wucht des "Dreifach-Tsunamis" aus Elektrifizierung, Digitalisierung und Sharing Economy wurden nicht erkannt. Laut aktueller EU-Klimavorgabe muss die Autoindustrie bis 2030 im Vergleich zum Jahr 2021 weitere 35 Prozent Kohlendioxid einsparen. Nach heutigem Standard hätten neun von zehn Autos dann keine Chance mehr, eine Zulassung zu bekommen. In Indien sind zum Beispiel ab 2030 keine Neufahrzeuge mit Verbrennungsmotor mehr erlaubt.

Vorsprung durch Technik: Autonomes Fahren

Das autonome Fahren wird kommen. Die Technik ist da und die breite Anwendung nur noch eine Frage der Zeit und der Rahmenbedingungen. Durch die autonome E-Mobilität in Verbindung mit der neuen Sharing-Kultur dürften 80 bis 90 Prozent weniger Fahrzeuge verkauft werden als heute. Wertschöpfung wird künftig nicht mehr mit dem Auto beziehungsweise mit Hardware generiert, sondern mit der Technologie, der Software, die in ihm steckt. Das äußert sich auch schonungslos in der Kursentwicklung der Akteure. So wurde zum Beispiel die israelische Sensor-Firma Mobileye von Intel für knapp 14 Milliarden US-Dollar übernommen. Mobileye liefert Schlüsselkomponenten für das autonome Auto. Zum Vergleich: Als Nissan 2016 bei Mitsubishi einstieg, lag die Bewertung bei knapp 5 Milliarden US-Dollar: New Economy schlägt Old Economy.

Viele Investitionen sind von gestern

Was heißt das für Anlegerinnen und Anleger? Selbst Nostalgikern gehen die Gründe aus, in Geschäftsfelder zu investieren, die eine Lebensweise von gestern unterstützen. Herkömmliche Branchen wie Finanzdienstleistungen, traditionelle Konsum- und Retail-Produkte, fossile Brennstoffe, Stahl- und Schwerindustrie verzeichneten in den letzten Jahren durchschnittliche Wachstumsraten von ein bis fünf Prozent pro Jahr. Neue, zukunftsorientierte Bereiche wie Smart Farming, Robotics, Elektromobilität, Sensoren, Satelliten, Cybersecurity und Batteriespeicher versprechen mehr Zukunft und wachsen zwischen 20 und 35 Prozent pro Jahr. So erstaunt es nicht, dass sich der "Kodak-Moment" in den meisten Branchen findet.

Jedes Portfolio profitiert, wenn verstärkt intelligente Technologien und innovative Unternehmen berücksichtigt werden. Gefragt ist Innovation, die mehr Lebensqualität ermöglicht und zu weniger Umweltbelastung führt. Statt ums Auto dreht sich zukünftig beispielsweise alles um integrierte, smarte Mobilitätssysteme. Megacitys werden lebenswerter. Knappe Ressourcen werden effizienter eingesetzt. Das Klima wird geschützt. Noch nie war die Zeit so gut, um in die Zukunft zu investieren.

Werner Hedrich leitet die Vermögensverwaltung Globalance Invest in München und schreibt hier als Gastkommentator. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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