25.06.2018  Türkische Börse und Lira legen zu

Die trügerische Freude der Investoren über Erdogans Sieg

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Türkische Börse am Tag nach der Wahl: Aktien, Anleihen und Landeswährung legen zu - aber wie lange noch?
AP
Türkische Börse am Tag nach der Wahl: Aktien, Anleihen und Landeswährung legen zu - aber wie lange noch?

Es ist kein überwältigender, aber doch ein deutlicher Sieg: Bei der Wahl in der Türkei hat die regierende Partei AKP laut Nachrichtenagentur Anadolu 52,5 Prozent der Stimmen und damit die absolute Mehrheit gewonnen. Das heißt: Präsident Recep Tayyip Erdogan bleibt an der Macht und kann diese aufgrund der nun abgeschlossenen Verfassungsreform sogar noch ausbauen.

Was bedeutet das für die Wirtschaft der Türkei? Was für die dortige Börse sowie für die Landeswährung Lira, die in den Wochen und Monaten vor der Wahl erheblich unter Druck geraten war?

Am Tag nach der Wahl sieht es zunächst so aus, als sei Erdogans Wahlsieg eine gute Nachricht für die Wirtschaft: Die Aktienkurse an der türkischen Börse legen am Montag zu. Der Leitindex ISE 100 etwa kletterte am Morgen spontan um beinahe 4 Prozent und notierte etwas später immerhin noch bei plus 2 Prozent.

Die Anleihen der Türkei sind am Montag zudem ebenso gefragt wie - zumindest zeitweise - die Währung des Landes. Die Lira gewann gegenüber dem Dollar und dem Euro zunächst um bis zu 3 Prozent. Später gab sie allerdings einige Gewinne wieder ab.

Alles bestens also in der Volkswirtschaft der Türkei, mit einem Präsidenten, der weiterhin Erdogan heißen wird? Wohl kaum. Die Gewinne an den Finanzmärkten vom Montag sind vermutlich eher auf das Ende der Ungewissheit zurückzuführen, das mit dem Wahlergebnis eingetreten ist, als auf echten Optimismus unter den Investoren. Unsicherheiten, wie sie von bevorstehenden politischen Wahlen ausgehen, sorgen an der Börse regelmäßig für Abwärtsdruck. Allein die Tatsache, dass die Wahl nun gelaufen, und dass das Ergebnis zumindest klare Verhältnisse verspricht, entlastet daher die Märkte ein wenig.

Darüber hinaus gibt es nicht wenige Stimmen, die die Aussichten der türkischen Wirtschaft nun kritisch beurteilen. "Erdogan glaubt, dass er mit einem Kurs der schwachen Lira die Wirtschaft stimulieren und für Vollbeschäftigung sorgen kann", bringt es beispielsweise Helge Müller, Chefanleger bei Genève Invest, auf den Punkt. "Diese Rechnung mag kurzfristig aufgehen. Diese Wirtschaftspolitik wurde allerdings in der Vergangenheit schon unzählige Male von Volkswirtschaften ausprobiert. Uns persönlich ist kein einziges Beispiel bekannt, wo eine solche Politik langfristig erfolgreich wäre."

Der Grund: Die sich immer weiter abschwächende Lira birgt laut Müller die Gefahr einer immer weiter galoppierenden Inflation. Schon jetzt beträgt die Preissteigerungsrate in der Türkei mehr als 10 Prozent. "Die einzige Maßnahme dies zu verhindern, wäre wenn die Zentralbank die Leitzinsen immer weiter massiv erhöhen würde", sagt Müller. "Dies wiederum würde die Wirtschaft abwürgen."

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