12.07.2018 
Nach Zinskommentaren

Erdogan drückt türkische Lira auf Rekordtief

Recep Tayyip Erdogan, Präsident und Regierungschef der Türkei,
Pool Presdential Press Service/AP/dpa
Recep Tayyip Erdogan, Präsident und Regierungschef der Türkei,

Präsident Recep Tayyip Erdogan hat sich per Dekret eine größere Macht über die Zentralbank verschafft. Nach neuen Kommentaren Erdogans fürchten Anleger, dass der Präsident diese Macht auch ausnutzt: Die türkische Lira stürzt weiter ab.

Die rasante Talfahrt der türkischen Währung geht weiter. In der Nacht zum Donnerstag erreichte der Kurs der Lira neue Tiefstände im Handel mit dem US-Dollar und mit dem Euro. Zeitweise mussten für einen Dollar 4,97 Lira und für einen Euro 5,82 Lira gezahlt werden. Das war so viel wie noch nie.

Als Gründe für den starken Wertverfall der türkischen Währung gelten ein starker Anstieg der Inflation sowie die Sorge der Finanzmärkte vor einer wachsenden Kontrolle des Staatspräsidenten über die Notenbank des Landes.

Zuletzt hatte ein Dekret des Präsidenten die Furcht der Anleger vor einer wachsenden Kontrolle über die Geldpolitik verstärkt. Es ermächtigt Erdogan, den Präsidenten und den Vizepräsidenten der Zentralbank alleine zu ernennen. Außerdem wird durch das Dekret die Amtszeit der beiden Spitzennotenbanker des Landes von bisher fünf auf nur noch vier Jahre verkürzt.

Erdogan hat jetzt Durchgriffsrecht auf Zentralbank

Dass Erdogan von dieser neuen Macht Gebrauch machen will, deutete er in einem Interview an: "Wir haben viele Instrumente. Ich denke, wir werden die Zinsen in nächster Zeit fallen sehen", zitierte ihn die Zeitung "Hürriyet". "Ich bin mir sicher, nicht nur unsere staatlichen Banken, sondern auch unsere privaten Banken werden Verantwortung übernehmen, falls notwendig." Der Regent sieht sich als "Gegner von Zinsen" und dringt seit längerem auf niedrigere Leitzinsen.

Im weiteren Handelsverlauf am Donnerstag konnte sich der Kurs der Lira wieder ein Stück weit erholen. Am Vormittag unternahm der türkische Finanzminister Berat Albayrak einen Versuch unternommen, die Märkte zu beruhigen. In einem von der Nachrichtenagentur Anadolu zitierten Interview bezeichnete der Minister die Spekulationen über ein Ende der Unabhängigkeit der türkischen Notenbank als "unakzeptabel".


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Darüber hinaus belastet eine hohe Inflation die türkische Währung. Laut jüngsten Daten betrug die Teuerung im Juni mehr als 15 Prozent. Dies setzt die Notenbank des Landes unter Druck. Die Währungshüter versuchen, mit einem Anstieg der Leitzinsen die hohe Inflation in den Griff zu bekommen. Erdogan ist aber ein Gegner hoher Zinsen, die als klassisches Instrument zur Inflationsbekämpfung gelten. Zuletzt hatte der Präsident sogar die Möglichkeit sinkender Zinsen in den Raum gestellt.

Commerzbank erwartet weiteren Lira-Absturz

Nach Einschätzung der Devisenexpertin Antje Praefcke von der Commerzbank können weitere starke Kursverluste nicht ausgeschlossen werden. Ihrer Einschätzung nach schlägt am 24. Juli "die Stunde der Wahrheit für die Lira". Dann steht die nächste Zinsentscheidung der Notenbank auf dem Programm. Sollten sich jüngste Aussagen Erdogans bewahrheiten und die Zinsen in der Türkei in der nächsten Zeit tatsächlich sinken, dann sei der Absturz der Lira, den wir zuletzt gesehen haben, wahrscheinlich nur "ein lächerlicher Abklatsch" dessen, was ihr künftig drohen könnte.

rei/dpa

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