29.12.2017 
Börsenprofi Carsten Mumm erklärt

Warum der Ölpreis uns nicht mehr schocken kann

Von Carsten Mumm
REUTERS

Der Ölpreis hängt von vielen Faktoren ab, neben Angebot und Nachfrage zum Beispiel auch von Liefermengen und -beschränkungen, Lagerkosten, Währungsrelationen, Embargos, Naturkatastrophen sowie den zeitabhängigen Preisstrukturen an den Warenterminbörsen.

Für Europa mit der führenden Nordsee-Ölsorte Brent ist die marktbeherrschende OPEC (Organisation ölexportierender Staaten, circa 40 Prozent Marktanteil) über vereinbarte Fördergrenzen der Wächter über die Angebotsmenge, bei der US-Sorte WTI (West Texas Intermediate) sind es die Produzenten in den USA und Kanada. Brent gilt als leichter zu verarbeiten und ist daher in der Regel etwas teurer als WTI .

Carsten Mumm
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    Donner & Reuschel
    Carsten Mumm, Chefvolkswirt und Leiter der Kapital-marktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel.

Im Sommer 2017 gab es bei WTI einige Produktionsausfälle aufgrund von Streiks und Wirbelstürmen, wie zum Beispiel Hurrikan Harvey im mexikanischen Golf. Viele küstennahe US-Raffinerien mussten vorübergehend schließen. In kürzester Zeit waren die Lagerbestände an Ölprodukten im Süden der USA wie leergefegt. Obwohl primär US-Förderanlagen betroffen waren, stiegen auch die Brent-Preise, weil sich die ölverarbeitenden Unternehmen am Weltmarkt anderweitig versorgen mussten. Auch die in Tankern zwischengelagerten Produktionsüberschüsse verringerten sich vorübergehend, wodurch die Spot-Preise nach dem Frühsommer-Tief deutlich anzogen.

Ein Wunsch-Szenario für die Opec, denn der große Konkurrent aus den USA war nicht zu liefern imstande und das Kartell konnte die Angebotsmenge somit selbst steuern. Die aktuelle Faktenlage verwundert allerdings schon: So hat die Opec im Herbst laut Reuters täglich 25,9 Millionen Barrel Rohöl exportiert. Damit lagen die Exporte rund 2 Prozent höher als im Jahresschnitt, gegenüber dem Vorjahr sind sie sogar um 1,8 Millionen Barrel beziehungsweise 7,7 Prozent gestiegen. Das klingt auf den ersten Blick nicht nach Förderbeschränkungen, die angeblich seit Januar 2017 verhandelt sind und jüngst in Wien bis Ende 2018 verlängert wurden.

Ebenso wurde bekannt, dass die US-Ölproduktion trotz teilweiser Produktionsausfälle in der Hurrikan-Zeit weiter gestiegen und die Rohölexporte (in WTI) mit rund 2 Millionen Barrel einen neuen Rekord seit 2014 erreicht haben.

Eine dritte Interessengruppe befindet sich in Russland: Hier möchte man den Preis schon lange in viel höhere Regionen bewegen, denn immerhin werden 50 Prozent des russischen Staatshaushalts über Rohstoffexporte bestritten. Russland fördert Öl aber überwiegend aus großer Tiefe und gefrorenen Böden (Sibirien) und liegt mit den Kosten weltweit eher im oberen Bereich. Alles in allem erkennt man, dass sektorale Produktionsausfälle sofort durch Ausdehnung an anderer Stelle kompensiert werden können, das klingt so gar nicht nach Knappheit - warum also steigende Preise erwarten?

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