20.11.2017  Kaum Reaktion am Aktienmarkt

Darum schockt das Aus für Jamaika die Börse nicht

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CDU/CSU-Spitze vor der Presse in Berlin: An der Börse kann es auch bei längerer Regierungsbildung in Berlin aufwärts gehen.
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CDU/CSU-Spitze vor der Presse in Berlin: An der Börse kann es auch bei längerer Regierungsbildung in Berlin aufwärts gehen.

Die "Jamaika"-Gespräche gescheitert, eine Schwarz-Grün-Gelbe Regierung damit praktisch ausgeschlossen, und eine längere Zeit der Ungewissheit darüber, wer in Berlin künftig das Ruder in der Hand halten wird, absehbar - klar, dass Investoren an der Börse auf so eine Nachrichtenlage an einem Montagmorgen nervös und zurückhaltend reagieren. Der deutsche Leitindex Dax ging, nachdem er in den vergangenen Wochen bereits Einbußen verzeichnet hat, folgerichtig mit leichten Verlusten von 0,2 bis 0,4 Prozent in den Handel.

Dass sich die überraschende Wende bei der Regierungsbildung in der Bundeshauptstadt auch langfristig negativ auf den Aktienmarkt auswirken wird, ist jedoch eher nicht zu erwarten. Und zwar aus verschiedenen Gründen:

1. Es erscheint unwahrscheinlich, dass aus dem gescheiterten Versuch, eine Bundesregierung aus CDU/CSU, Grünen und FDP zu bilden, nun tatsächlich eine länger anhaltende politische Instabilität in Deutschland entstehen wird. Vielmehr handelt es sich um einen vergleichsweise normalen Vorgang in einer Demokratie. Auch in anderen Ländern hat es bereits langwierige Regierungsbildungen gegeben, ohne dass daraus gleich eine Staatskrise mit Auswirkungen auf das Wirtschaftsleben entstanden wäre.

Vor allem zwei Varianten sind nach dem "Jamaika"-Aus denkbar: Entweder die CDU/CSU versucht sich beispielsweise mit den Grünen oder mit der FDP in einer Minderheitsregierung. Oder es kommt zu neuen Bundestagswahlen, die zu einer Veränderung der Mehrheitsverhältnisse führen und einen neuen Anlauf zu einer Koalitionsbildung ermöglichen könnten. Beidem kann die Wirtschaft und damit die Börse gelassen entgegensehen, denn nichts davon hat unmittelbaren Einfluss auf die Geschäfte der Unternehmen und deren Gewinnaussichten.

2. Eine Börsenweisheit lautet: Politische Börsen haben kurze Beine. Das wird sich auch diesmal bestätigen, denn die Einflussfaktoren, die die Aktienkurse bewegen, kommen nur zu einem sehr geringen Teil aus Berlin. Wichtiger ist seit geraumer Zeit beispielsweise Frankfurt, wo die Europäische Zentralbank (EZB) sitzt. Die EZB versorgt - wie andere Notenbank auch - die Finanzmärkte mit großen Mengen an Liquidität und hat damit erheblichen Anteil am Börsenaufschwung der vergangenen Jahre. Daran wird sich aufgrund des Endes der "Jamaika"-Gespräche in Berlin nichts ändern.

3. Auch in der Finanzwelt scheint kaum jemand mit großen Auswirkungen zu rechnen. Zwar gibt es kritische Stimmen. Das Scheitern der Sondierungen sei ein "schlechtes Signal für Deutschland und für die Wirtschaft", sagte etwa der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), Stefan Genth. In Zeiten so großer Herausforderungen wie der Digitalisierung, der Globalisierung und der Flüchtlingskrise müsse Deutschland politisch handlungsfähig sein.

Die Investoren am Aktienmarkt dürfte dies aber nur kurz stören, meint Börsenfachmann Daniel Saurenz von Feingold Research. "Der DAX dürfte sich kurz schütteln und danach zur Tagesordnung übergehen."

Ähnlich ist der Tenor bei anderen Beobachtern: Nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen sei die politische Unsicherheit in Deutschland so groß wie selten zuvor, schreibt etwa die Commerzbank in einer spontanen Einschätzung. "Trotzdem dürfte die deutsche Wirtschaft weiter kräftig wachsen. Denn angefacht durch die lockere EZB-Geldpolitik besitzt sie so viel Schwung, dass sich die zahlreichen, politisch zu lösenden Probleme Deutschlands vorerst nicht bemerkbar machen werden."

Auch die Privatbank Donner & Reuschel ist sich sicher: "Die politische Entscheidung führt zu einer sehr spannenden kurzfristigen Entwicklung beim Dax." Aber: "Mittel- bis langfristig wird das den deutschen Blue-Chip Index nicht aus der Bahn werfen."

Christoph Rottwilm auf Twitter

Bestätigung gibt es für die moderaten Einschätzungen der Experten direkt vom Börsenparkett: Bereits im Laufe des Montagvormittags machte der deutsche Leitindex seine Startverluste zum weitaus größten Teil wett und notierte zeitweise auf dem Niveau vom Freitagnachmittag - als in Berlin noch über "Jamaika" gesprochen wurde.

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