10.08.2018 
Börse

Türkei-Krise trifft Dax mit Wucht

An den Finanzmärkten wächst die Furcht vor den Auswirkungen der Wirtschaftsturbulenzen in der Türkei. Der Deutsche Leitindex Dax fiel am Freitagnachmittag um knapp zwei Prozent auf 12.436 Punkte, auch der Eurozonen-Leitindex Eurostoxx50 gab in ähnlicher Größenordnung auf 3434 Zähler nach. Der Leitindex der Istanbuler Börse verlor ähnlich stark. Der Euro geriet ebenfalls unter Druck und war mit 1,1430 Dollar zeitweise so billig wie zuletzt vor gut einem Jahr.

Für den MDax der mittelgroßen deutschen Unternehmen ging es um 1,17 Prozent abwärts auf 26 667,87 Punkte. Der Technologiewerte-Index TecDax sank um 1,31 Prozent auf 2909,30 Punkte.

"Seit geraumer Zeit haben Investoren die sich entwickelnde Währungskrise in der Türkei als lokales Problem eingestuft, aber das beschleunigte Tempo des Absturzes nährt die Sorgen um das Türkei-Engagement europäischer Banken", sagte Anlagestratege Michael Hewson vom Brokerhaus CMC Markets.

Die türkische Währung hat seit Jahresbeginn um fast die Hälfte abgewertet und fällt von einem Rekordtief auf das nächste. Am Freitag stieg der Kurs des Dollar um fast 15 Prozent auf ein Rekordhoch von 6,366 Lira. Das ist der größte Kurssprung seit 17 Jahren. Gleiches galt für den Euro, der fast 13 Prozent gewann und mit 7,2354 Lira ebenfalls so viel kostete wie noch nie. Zusätzlichen Verkaufsdruck löste US-Präsident Donald Trump mit seiner Ankündigung der Verdoppelung von Strafzöllen auf türkische Aluminium- und Stahlimporte aus.

Finanzwerte geraten europaweit unter Druck

Um die Abwertungsspirale zu durchbrechen, müsse die türkische Zentralbank die Zinsen drastisch anheben, sagte Neil Wilson, Chef-Analyst des Online-Brokers Markets.com. "Aber es ist vielleicht schon zu spät. Selbst eine Erhöhung um zwei Prozentpunkte könnte nicht ausreichen." Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnete die aktuellen Kursturbulenzen als künstlich herbeigeführt und rief die Bevölkerung dazu auf, Devisen und Edelmetalle in Lira zu tauschen.

Durch die Abwertung ihrer Währung wird es für türkische Schuldner schwieriger, ihre Fremdwährungskredite zu bedienen. Ein großer Teil hiervon entfalle auf kurzfristige Verbindlichkeiten türkischer Banken, sagte Thomas Gitzel, Chef-Volkswirt der VP Bank. Einem Zeitungsbericht zufolge ist daher die Europäische Zentralbank (EZB) hellhörig geworden.

Die Aktien der in dem Bericht explizit erwähnten Institute - die französische BNP Paribas , die italienische HVB-Mutter Unicredit und die spanische BBVA - brachen daraufhin bis zu 5,8 Prozent ein. BBVA-Titel markierten mit 5,60 Euro zudem ein Eineinhalb-Jahres-Tief.

Der türkische Bankenindex und sein Pendant für die Euro-Zone gaben zeitweise jeweils knapp vier Prozent nach. Deutsche Bank und Commerzbank gehörten mit Kursverlusten von bis zu 4,3 Prozent zu den größten Verlierern im Dax.

Laut Marktexperten wurden die beiden Banken in Sippenhaft genommen, auch wenn die beiden Häuser in der Türkei weniger stark engagiert sind als andere Institute Europas. Bei der Deutschen Bank sorgte zudem eine Abstufung auf "Underweight" durch das US-Haus Morgan Stanley für Abgabedruck.

Auch Halbleiterwerte verlieren deutlich

Halbleiterwerte wie Infineon aus dem Dax sowie Aixtron und Dialog Semiconductor aus dem TecDax verzeichneten hohe Kursverluste von teils bis 4,8 Prozent im Fall von Aixtron. Händler verwiesen auf skeptische Stimmen von Morgan Stanley, deren Analysten fürchten, der Zyklus in der Chipbranche könnte den Höhepunkt erreicht haben. Der europäische Tech-Sektor zeigte sich mit Abschlägen von 1,8 Prozent ebenfalls sehr anfällig.

Quartalszahlen gab es am Freitag von Innogy , LEG Immobilien und Hella aus dem MDax sowie von Carl Zeiss Meditec und Bechtle aus dem TecDax . Haag -Lloyd und TLG Immobilien - beide im SDax - öffneten ebenfalls ihre Bücher.

Ein Kurseinbruch von mehr als 8 Prozent bereitete im MDax den Anlegern von K + S Kopfschmerzen. Der Dünger- und Salzproduzent wird seinen operativen Gewinn in diesem Jahr wohl nicht so stark steigern wie von Analysten erhofft.

Die Papiere des Essenslieferanten Delivery Hero fielen um 3,2 Prozent nach einer von der Deutschen Bank gestrichenen Kaufempfehlung.

Immobilien-Aktien gewannen deutlich, auch Bechtle gefragt

Positiv aufgenommene Quartalszahlen gaben den Immobilien-Aktien von LEG und TLG Auftrieb. LEG gewannen auf Platz zwei im MDax 1 Prozent. TLG verteuerten sich an der Spitze im SDaxum gut 4 Prozent. Mit 99,34 Euro hatten LEG im frühen Handel zudem ein Rekordhoch erreicht. Immobilienwerte waren in dem schwachen Markt als defensive Werte gesucht.

Im TecDax gewannen die Papiere des IT-Dienstleisters Bechtle 3,7 Prozent und profitierten dabei von der Anhebung der Jahresziele. Sie hatten am Vormittag zudem mit 84,15 Euro so hoch gestanden wie noch nie.

Beim Medizintechnik-Konzern Carl Zeiss Meditec brummt weiterhin das Geschäft mit Augenlasern, Diagnostikgeräten und Operationsmikroskopen. Die Papiere markierten mit 71,30 Euro ebenfalls ein neues Hoch und gewannen zuletzt 2,5 Prozent. Der HealthCare-Sektor gab insgesamt um 0,3 Prozent nach, war damit aber der beste in Europa. In schwachen Marktphasen schneiden als defensiv geltende Branchen für gewöhnlich besser ab.

Ryanair setzt Streik zu

Bei den Unternehmen stand der Billigflieger Ryanair im Rampenlicht, bei dem wegen eines Pilotenstreiks400 von etwa 2400 geplanten Flügen ausfallen. Der zunehmende Einfluss der Gewerkschaften werde höhere Lohnkosten und geringere Gewinnmargen zur Folge haben, sagte Markets.com-Experte Wilson. Außerdem dämpften die Flugstreichungen das Umsatzwachstum. Ryanair-Aktien verloren bis zu 3,9 Prozent. Die Titel des Erzrivalen EasyJet gaben 0,4 Prozent nach.

Der Euro hat am Freitag an die Kursverluste vom Vortag angeknüpft. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,1456 (Donnerstag: 1,1593) US-Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,8729 (0,8626) Euro.

wed/luk/dpa-afx/reuters

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