14.09.2018 
Bayer-Pharmachef geht

Bayer und Sanofi tauschen Topmanager

Seit der Übernahme von Monsanto ist der Aktienkurs von Bayer abgestürzt. Bayer-Chef Werner Baumann gerät in Erklärungsnot. Die Finanzierung des Monsanto-Deals ist jedoch trotz des Kurssturzes nicht gefährdet
AFP
Seit der Übernahme von Monsanto ist der Aktienkurs von Bayer abgestürzt. Bayer-Chef Werner Baumann gerät in Erklärungsnot. Die Finanzierung des Monsanto-Deals ist jedoch trotz des Kurssturzes nicht gefährdet

Bayer und Konkurrent Sanofi tauschen zwei Topmanager. Der Kurssturz der Bayer-Aktie beschleunigt sich unterdessen. Seit dem Hoch der Bayer-Aktie im Sommer 2015 hat sich der Wert des Konzerns mehr als halbiert. Der Druck auf Bayer-Chef Werner Baumann wächst.

Abgang nach dem Kursabsturz: Pharmachef Dieter Weinand verlässt den krisengeschüttelten Bayer-Konzern. Weinand verlasse das Unternehmen aus familiären Gründen und wechsele in den Vorstand des französischen Wettbewerbers Sanofi, teilte Bayer am Donnerstag mit. Seinen Sitz werde er in den USA haben. Dort studierte Weinand und verbrachte auch den Großteil seiner Karriere.

Weinands Nachfolger soll zum 1. November Sanofi-Vorstand Stefan Oelrich werden. Der 50-Jährige verantwortet bei Sanofi derzeit das weltweite Diabetes- und Herzkreislauf-Geschäft.

Der Bayer-Aufsichtsrat verlängerte am Donnerstag außerdem die Vorstandsmandate von Liam Condon und Hartmut Klusik. Condon leitet das Agrargeschäft Crop Science, sein Vertrag läuft nun um weitere fünf Jahre bis Ende 2023. Der Vertrag von Klusik, Vorstand für die Bereiche Personal, Technologie und Nachhaltigkeit, wurde um ein Jahr bis Ende 2019 verlängert.

Aktie stürzt unter 70 Euro Marke - Börsenwert seit Hoch mehr als halbiert

Die Bayer-Aktie hat unterdessen ihren Kurssturz fortgesetzt. Aus Furcht vor weiteren Schadensersatzklagen gegen die Bayer-Tochter Monsanto werfen Anleger Aktien des Dax-Konzerns aus ihren Depots. Bayer-Titel fielen am Donnerstag unter die Marke von 70 Euro und erreichten das tiefste Niveau seit 6 Jahren. Seit ihrem Rekordhoch bei 144 Euro im Sommer 2015 hat sich der Börsenwert von Bayer damit glatt halbiert.

"Es gibt Sorgen, dass noch mehr auf Bayer zukommt", sagte ein Händler. Der steile Kurssturz wird auch durch so genannte Short-Seller beschleunigt, die aufgrund der Klageflut in den USA auf weitere Verluste bei Bayer wetten.

Zwar hat Bayer in seiner jüngsten Quartalsbilanz die Umsatzprognose erhöht. Zugleich rechnet der Konzern jedoch mit weiteren Klagen in den USA wegen des Herbizids Glyphosat. Die Zahl der Klagen ist inzwischen auf fast 6000 gestiegen.

Monsanto wurde Anfang August von einem Gericht in Kalifornien zu einer Schadensersatzzahlung von 289 Millionen Dollar an einen an Krebs erkrankten Mann verurteilt, der seine Erkrankung auf das von der Firma entwickelte Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat zurückführte. Der US-Saatgutriese, der von Bayer kürzlich für rund 63 Milliarden Dollar übernommen wurde, sieht sich mehr als 5000 ähnlichen Klagen in den USA gegenüber. Viele Banken hatten ihr Kursziel für die Bayer-Aktien deshalb zu Wochenbeginn gesenkt, weil sie die Prozessrisiken fürchten. Bayer will gegen das Urteil Berufung einlegen und gibt sich auch mit Blick auf die erwartete Klageflut gelassen.

Monsanto-Übernahme: Die Höllenjahre des Bayer-Chefs

Noch keine Angaben zu Rückstellungen - "angemessene Vorsorge"

Mit weiteren Klagen wegen Glyphosat sei zu rechnen, erklärte Bayer in seinem Quartalsbericht. Die meisten Kläger haben nach Angaben der Leverkusener ihre Klagen bei einzelstaatlichen Gerichten in den US-Bundesstaaten Missouri, Delaware und Kalifornien eingereicht, die übrigen bei verschiedenen Bundesgerichten. Die Kläger werfen der neuen Bayer-Tochter Monsanto vor, der Kontakt mit glyphosathaltigen Produkten des Unternehmens hätten bei ihnen zu Gesundheitsschäden, unter anderem zu Krebs, geführt. Sie fordern deshalb Schadensersatz.

Angaben zu etwaigen Rückstellungen machte Bayer während der jüngsten Bilanz-Pk nicht und verwies lediglich darauf, dass Monsanto in "industrieüblichem Umfang gegen gesetzliche Produkthaftungsansprüche versichert sei" und angemessene bilanzielle Vorsorgemaßnahmen für erwartete Verteidigungskosten getroffen habe.

Baumann gerät nach Mega-Übernahme in Erklärungsnot

Für Bayer-Chef Werner Baumann, der die bisher größte Übernahme eines deutschen Unternehmen im Ausland gegen zahlreiche Widerstände durchgezogen hatte, wird der Kursverfall des Bayer-Konzerns langsam kritisch. Als Baumann im Mai 2016 bekannt gab, dass man die Übernahme von Monsanto prüfe, notierte die Bayer-Aktie noch bei rund 100 Euro.

Börsenwert von Bayer hat sich seit Rekordhoch fast halbiert

Seit dem Rekordhoch im April 2015 bei 144 Euro hat Bayer inzwischen fast die Hälfte seines Börsenwertes eingebüßt. Noch im Oktober 2017, als die Übernahme des US-Konzerns Monsanto bereits weit fortgeschritten war, notierte Bayer bei 117 Euro und damit mehr als 40 Prozent höher als heute.

Finanzierung des Monsanto-Deals nicht gefährdet

Die Finanzierung der Monsanto-Übernahme ist durch den rasanten Kursverfall der Bayer-Aktie jedoch nicht in Gefahr. Bayer hatte bereits im Juni eine Kapitalerhöhung durchgezogen und milliardenschwere Anleihen erfolgreich bei Investoren platziert. Auf diese Weise sammelte der Konzern rund 28 Milliarden US-Dollar ein, um die 63 Milliarden Dollar schwere Übernahme besser stemmen zu können. Die Fähigkeit Bayers, seine Schulden zu bedienen, wird durch den Absturz der Aktie nicht beeinträchtigt: Für die Bedienung der Schulden spielen vor allem die Renditen im laufenden Geschäft sowie die Liquidität des Konzerns eine Rolle.

Droht Bayer nun selbst die Übernahme?

Gleichwohl kommen durch den Absturz der Bayer-Aktie wieder uralte Ängste hoch, die den Konzern schon seit vielen Jahren umtreiben: Die Angst vor einer Übernahme durch einen Investor, der den Konzern dann in seine Einzelteile zerschlägt. Theoretisch wird diese Gefahr größer, je tiefer die Bewertung von Bayer sinkt: Ein Investor bekäme das Unternehmen dann zu einem günstigeren Preis.

Bayer ist derzeit an der Börse rund 70 Milliarden Euro wert. Als Werner Baumann die Übernahmepläne für Monsanto im Sommer 2016 bekannt gab, wurde Bayer noch mit 90 Milliarden Euro an der Börse bewertet. Das Motiv, eine feindliche Übernahme durch einen milliardenschweren Zukauf zu erschweren und schlicht zu groß für mögliche Angreifer zu werden, war auch ein wichtiges Argument, um den Monsanto-Deal zu starten.

Gleichwohl erscheint eine feindliche Übernahme zu diesem Zeitpunkt sehr unwahrscheinlich: Ein Investor müsste unter hohem Zeitdruck Bayer kaufen, bevor die US-Tochter Monsanto in den Konzern integriert ist, um dann das Pharmageschäft und das Pflanzenschutzgeschäft getrennt loszuschlagen. Ein Käufer des Pflanzenschutzgeschäftes müsste zudem das Risiko der Schadensersatzklagen geringer einschätzen als derzeit der Finanzmarkt. Wegen der schieren Größe und Komplexität eines solchen Deals erscheint eine Übernahme von Bayer daher derzeit nur als ein theoretisches Planspiel.

Toxischer Zukauf: Weitere Klagen wegen Glyphosat und Dicamba drohen

Monsanto könnte sich dennoch als toxischer Zukauf für Bayer erweisen. Neben Glyphosat rücken nun auch die Probleme mit Dicamba in den Blickpunkt: Im vergangenen Jahr hatte eine neue Formulierung des Pflanzenschutzmittels nach Einschätzung von Landwirten und Experten zu erheblichen Schäden an der Ernte geführt, da sich Dicamba verflüchtigt habe, über die Felder getrieben sei und so auch Pflanzen erreicht habe, die nicht gegen das Mittel durch gentechnische Veränderung gewappnet waren. Das hatte eine Welle von Beschwerden und Klagen gegen Monsanto ausgelöst.

Monsanto wirft den Landwirten dagegen vor, der Anleitung des Herbizids nicht genau gefolgt zu sein und Dicamba unsachgemäß aufgetragen zu haben.

Das Pflanzenschutzmittel wird neben Monsanto auch vom deutschen Chemiekonzern BASF sowie von Dow/DuPont unter anderem Namen hergestellt. Die US-Umweltschutzbehörde hatte den Einsatz des Herbizids in diesem Jahr beschränkt. Für Monsanto ist das Mittel von großem wirtschaftlichen Interesse, da sich Dicamba in den vergangenen Jahren als Nachfolger des Unkrautvernichters Glyphosat entwickelt hat, gegen den sich zunehmend Resistenzen gebildet haben.

mit Material von dpa und Reuters

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