22.06.2018  US-Börse stabiler als andere - bislang

... und wie die Wall Street den Handelsstreit unterschätzt

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Händler an der New Yorker Börse: Noch halten sich die US-Aktienkurse vergleichsweise stabil - aber wie lange noch?
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Händler an der New Yorker Börse: Noch halten sich die US-Aktienkurse vergleichsweise stabil - aber wie lange noch?

Der Handelsstreit der USA mit dem Rest der Welt setzt die Börsen unter Druck. Noch hält sich die Wall Street dabei vergleichsweise stabil - doch das dürfte sich ändern.

Der Handelsstreit zwischen den USA und dem Rest der Welt schaukelt sich immer weiter hoch - und erhält auch die Aktienmärkte in Atem. Bemerkenswert erscheint allerdings, dass Investoren an der US-Börse die Lage noch deutlich entspannter einzuschätzen scheinen als jene beispielsweise in Europa.

Das zeigt ein Blick auf die Zahlen: Der US-Leitindex Dow Jones etwa sank in dieser Woche, in der Trump seine viel beachtete Ankündigung von zusätzlichen Zöllen auf chinesische Waren im Volumen von 200 Milliarden Dollar machte, gerade mal um etwa 2 Prozent. Mit dem Dax dagegen ging es auf Wochensicht um ganze 4 Prozent nach unten - inklusive eines leichten Erholungsversuchs am Freitag.

Auf Monatssicht zeigt sich ein ähnliches Bild: Rutschte der Dax in den vergangenen vier Wochen - nach zwischenzeitiger Erholung - unterm Strich um mehr als 4 Prozent ab, so beträgt das Minus des Dow Jones lediglich gut 2 Prozent.

Zum Hintergrund: Mehrere Monate lang konnte man beim Handelsstreit noch von einem möglichen Säbelrasseln sprechen, dem nicht unbedingt auch Taten folgen müssen. Doch inzwischen machen alle Seiten ernst. Die USA haben mit Sonderzöllen auf Stahl- und Aluminium sowie auf chinesische Waren im Wert von 50 Milliarden Dollar bereits Fakten geschaffen. Nach der zu erwartenden Reaktion aus China kündigte US-Präsident Trump in dieser Woche zudem weitere Zusatzabgaben auf Waren aus China im Volumen von 200 Milliarden Dollar an.

Ähnlich - wenn auch in kleinerem Maßstab - das Bild zwischen den USA und Europa: An diesem Freitag treten Sonderzölle auf US-Importe in die Europäische Union im Wert von 2,8 Milliarden Euro in Kraft, weitere sollen in den kommenden Jahren folgen. Benchmark sind die 6,4 Milliarden Euro an Zollwert, mit denen Washington nun Stahl und Aluminium aus der EU belastet.

Diese zusätzlichen Kosten beim Warenaustausch zwischen den Wirtschaftsräumen werden Preissteigerungen im Einzelhandel nach sich ziehen und signifikante Folgen für die Realwirtschaft, für Konsumenten und für Unternehmen haben. Einen Eindruck davon gab in dieser Woche bereits der Autobauer Daimler, der wegen höherer Zölle für Autos aus den USA in China eine Gewinnwarnung herausgeben musste.

Kein Wunder also, dass auch Aktienkurse angesichts der Zuspitzung der Streitigkeiten inzwischen zunehmend unter Druck geraten. Das die Kurse an der Wall Street allerdings noch vergleichsweise glimpflich davongekommen sind, kann zwei Gründe haben. Erstens: Möglicherweise bewerten Investoren die Chancen für US-Firmen, als Gewinner aus dem Handelskonflikt hervorzugehen, höher als jene von Unternehmen beispielsweise in Deutschland oder China, wo die Kurse ebenfalls unter Druck stehen. Und zweitens: Gegenwärtig gibt die US-Wirtschaft tatsächlich noch ein besseres Bild ab als etwa jene in vielen Ländern der EU - auch das dürfte die Aktienkurse an der New Yorker Börse stützen. Das Institut für Kapitalmarktanalyse (IfK) in Köln etwa kam zuletzt bei der Berechnung seines Welt-Handelsindex zu einem ähnlichen Schluss.

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