12.10.2017  Ende des Börsenbooms

Verkauft Aktien - langsam, aber sicher

Eine Meinungsmache von Daniel Stelter
Auf der Klippe: An der Börse droht nach 9 Jahren Party ein tiefer Fall. Der Boom ist in der Endphase, die Warnzeichen mehren sich
REUTERS
Auf der Klippe: An der Börse droht nach 9 Jahren Party ein tiefer Fall. Der Boom ist in der Endphase, die Warnzeichen mehren sich

4. Teil: Notenbanken in der Klemme - und Investoren in der Liquiditäts-Illusion

Keine Allmacht der Notenbanken

Kommen wir zum Killerargument der Optimisten: die allmächtigen Notenbanken. Seit 30 Jahren haben es diese doch immer wieder geschafft, Krisen an den Finanzmärkten und damit in der Realwirtschaft zu bekämpfen. Mit ihrer asymmetrischen Reaktion haben sie ihren Anteil an der säkularen Zinssenkungstendenz, wie an dieser Stelle mehrfach erklärt. Bei jedem Problem haben sie die Zinsen gesenkt, ohne sie nach Beruhigung an den Märkten wieder ausreichend zu erhöhen.

Nun sollen die Zinsen steigen, weniger, weil die Realwirtschaft so gut dasteht, sondern um wieder Munition für geldpolitische Maßnahmen zu haben, wenn es das nächste Mal kriselt. Das könnte sich angesichts der oben genannten Faktoren als Killer für die Börsen und die hoch verschuldete Weltwirtschaft erweisen. Zehn der letzten 13 Phasen, in denen die US-Notenbank Fed die Zinsen erhöht hat, führten zu einer Rezession, in drei Fällen kam es zu einer Krise in den Schwellenländern. Diesmal könnte beides die Folge sein, warnen doch Experten schon seit Langem vor der hohen US-Dollar-Verschuldung der Schwellenländer.

Dies würde die Weltwirtschaft und vor allem die Finanzmärkte hart treffen. Die Zinsen würden dann zusätzlich steigen, weil das Ausfallrisiko, welches vom Markt derzeit konsequent verdrängt wird, prominent in das Bewusstsein rücken würde. Die Unternehmen kämen dann von mehreren Seiten unter Druck: höhere Finanzierungskosten, Verluste im eigenen Wertpapierportfolio - alleine die größten 30 US-Unternehmen haben 1200 Milliarden in Anleihen angelegt - und sinkende Gewinne. Ein Giftcocktail erster Ordnung für Aktien.

Natürlich werden die Notenbanken im Zuge der nächsten Krisenphase die Geldschleusen erneut und noch drastischer öffnen, vielleicht im Versuch, einen globalen Neustart zu ermöglichen. Davor muss die Krise - und damit die Panik an den Märkten - jedoch so offensichtlich sein, dass die Notenbanken einen Vorwand haben, so zu handeln. Setzen sie damit doch die eigene Existenz aufs Spiel.

Investoren in der Liquiditätsillusion

Nicht wenige Investoren teilen diese Analyse, halten es aber mit dem ehemaligen CEO der Citigroup Chuck Prince, der kurz vor der Finanzkrise noch betonte, "man müsse tanzen, solange die Musik spielt". Deshalb verschwenden sie keinen Gedanken auf die Auswahl einzelner Aktien oder bezahlen gar hohe Gebühren für aktiv gemanagte Aktienfonds. Das Geld fließt stattdessen in börsengehandelte Indexfonds (ETF), in der Erwartung diese rasch und ohne Probleme abstoßen zu können. Diese - fälschlich - "passiv" genannte Investition wird an den Märkten immer bedeutender. Im Schnitt werden 17 Prozent der Aktien des S&P 500 von passiven Fonds gehalten, alleine Vanguard hält über fünf Prozent am Index.

Die Verkäufer dieser Produkte versprechen jederzeitige Handelbarkeit. Das haben auch die amerikanischen Geldmarktfonds getan, bis es im Zuge der Finanzkrise zum Undenkbaren kam. Plötzlich waren die Anlagen nicht so liquide wie gedacht, Zahlungen verzögerten sich. In der Folge wuchs die Panik noch weiter an. Gut möglich, dass alleine aus diesem Grund eine eigentlich normale Korrektur zu einem ausgewachsenen Crash heranwächst. Indexfonds sind per Definition voll investiert. Geraten die Anleger in Panik, schlägt das ungefiltert auf den Markt durch.

4 / 5

Mehr zum Thema