06.12.2018 
Festnahme der Huawei-Finanzchefin

Tochter Meng, Vater Ren und die roten Linien

Von Vanessa Steinmetz, Spiegel Online
Foto: AP

Ihre Festnahme in Kanada empört China: Meng Wanzhou ist die Tochter des Huawei-Gründers. Die Finanzexpertin hat sich im Konzern hochgearbeitet - doch Chefin des Imperiums durfte sie nicht werden.

Zwei Lebensläufe, wie sie unterschiedlicher kaum ausfallen könnten: Der eine, Ren Zhengfei, ist Mitglied der chinesischen "Volksbefreiungsarmee", gründet nach seinem Ausscheiden dort eine Firma mit nur 3000 Dollar - und macht sie zu einem riesigen, global agierenden Technologiekonzern: Huawei. Die andere, Meng Wanzhou, wird in eine vermögende Familie hinein geboren, besucht eine gute Universität und steigt schließlich in das Familienimperium ein.

Meng und Ren, das sind Tochter und Vater, auch wenn sie nicht den gleichen Nachnamen tragen: Meng nahm den Namen ihrer Mutter an, nachdem sich die Eltern scheiden ließen. Dem Unternehmen des Vaters blieb sie aber treu.

Nun droht ihr eine Anklage in den USA: Am 1. Dezember war Meng in Vancouver beim Umsteigen zwischen zwei Flügen festgenommen worden, offenbar weil Huawei gegen die Iran-Sanktionen aus Washington verstoßen haben soll. Offiziell bekannt ist der konkrete Vorwurf gegen sie aber noch nicht. Peking zeigte sich empört über den Vorgang.

Wer ist die Frau, an der sich der Streit zwischen der chinesischen und US-amerikanischen Regierung erneut entzünden könnte?

Meng wurde 1972 geboren, sie besuchte später die Universität für Technik und Wissenschaft in Huazhong. Nach ihrem Abschluss habe sie zunächst für die China Construction Bank gearbeitet, sagte Meng der Zeitschrift "21st Century Business Herald" in einem ihrer seltenen Interviews. Ein Jahr später, 1993, sei sie dann zu Huawei gewechselt. "Ich habe als Sekretärin gearbeitet und habe bei den Verkäufen und auf Messen geholfen, als die Firma noch sehr klein war. Meine ersten Jobs bei Huawei waren sehr unbedeutend", sagte sie damals.

Dann sei sie zurück an die Universität gegangen und habe einen Abschluss in Buchhaltung gemacht. "Das war wirklich der Beginn meiner Karriere", sagte Meng im Interview.

Leistung soll über Nachfolge entscheiden

Nach 2003 schuf sie nach Angaben von Huawei eine einheitliche und standardisierte Finanzorganisation für den Konzern. Später leitete sie den Transformationsprozess in einer Partnerschaft zwischen Huawei und IBM. Kurz darauf wurde ihr in Hongkong die internationale Abteilung der Buchhaltung unterstellt. 2017 kürte sie die US-Zeitschrift "Forbes" zur Nummer acht der "besten Geschäftsfrauen". Anfang des Jahres wurde sie dann zur Finanzchefin des Konzerns ernannt.

Spekulationen, seine Tochter könnte den inzwischen 74-jährigen Ren als Chef des Unternehmens ablösen, wies dieser allerdings zurück: "Seit dem Gründungstag von Huawei haben wir das Prinzip des verdienten Aufstiegs verfolgt, nicht dem Aufstieg durch Vetternwirtschaft", sagte er der "China Economic Times".

Im Zusammenhang mit der Festnahme von Meng, bei der es um den Verdacht geht, Huawei könnte die Iran-Sanktionen der USA verletzt haben, sind nun Aufzeichnungen eines gemeinsamen Vortrags von Ren und Meng öffentlich geworden. Demnach sprachen beide am 29. Oktober vor Mitarbeitern darüber, inwiefern man sich äußeren Vorgaben fügen müsse. Beide verwiesen darauf, dass geltendes Recht nicht verletzt werden dürfe, zitiert die "South China Morning Post" aus einem Transkript. Meng habe dabei aber zwischen "roten" und "gelben Linien" unterschieden.

Bei den "roten" gebe es keine Möglichkeit der Verhandlungen mehr, sie seien auf jeden Fall einzuhalten. Bei den "gelben" könne aber abgewogen werden zwischen den Kosten für das Unternehmen und dem Ausreizen der rechtlichen Rahmenbedingungen. Ihr Vater wurde den Aufzeichnungen nach noch deutlicher: "Wir können uns nicht selbst in Fesseln legen, weil uns die USA attackieren", sagte er. "Wenn unsere Hände und Füße gebunden sind, und wir nicht weiter produzieren können, warum sollen wir uns dann fügen?" Huawei bestätigte die Gesprächsauszüge nicht.

Einblick in den Führungsstil von Meng gibt eine Anekdote, die sie laut "South China Morning Post" in einer Rede an einer internationalen Schule in Chongqing 2016 gegeben hat - und mit der sie auch einen seltenen Einblick in ihr Privatleben gewährte. "Mein Sohn wollte eines Tages nicht zum Schwimmen, er hat sich auf den Boden gekniet und hat meinen Mann angebettelt, nicht gehen zu müssen. Aber das haben wir abgelehnt", sagte Meng. "Heute repräsentiert er seine Schule stolz bei Schwimmwettbewerben." Damit habe sie verdeutlichen wollen, wie wichtig Durchhaltefähigkeit ist.