12.09.2017  Nach dem Transfer-Schock

Die Perspektiven der Bundesliga-Clubs in der Champions League

Leipzigs Timo Werner: Rockt RB die CL ebenso wie die Bundesliga?
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Leipzigs Timo Werner: Rockt RB die CL ebenso wie die Bundesliga?

Die neue Champions-League-Saison startet, doch die Stimmung in der Bundesliga ist verhalten. Zu stark sind die Eindrücke der zurückliegenden Transferperiode. Die internationale Konkurrenz hat massiv aufgerüstet. Die Liga muss etwas tun.

Bereits am dritten Spieltag der laufenden Bundesliga-Saison kamen die Bayern in Hoffenheim unter die Räder - und das nicht einmal unverdient. Held des Abends war der Hoffenheimer Balljunge Umut, der in der 27. Minute die Gunst der Stunde nutzte und Andrej Kramaric den Ball zum alles entscheidenden Einwurf vorlegte. Grandios, dachten alle, aber das Tragische hinter dieser Geschichte ist, dass diese Niederlage des FC Bayern ein Sinnbild für die aktuelle Verfassung der Liga ist: Man ist irgendwie nicht im Spiel.

Henning Zülch

Dabei läuft eigentlich alles ganz gut, wenn man sich die wirtschaftliche Lage anschaut. Hier sprechen die harten Zahlen für sich: Die Umsätze der deutschen Bundesligaklubs wuchsen in der Saison 2015/16 auf 3,2 Milliarden Euro - und damit um 24 Prozent. Das war doppelt so schnell wie der Rest Europas.

Insgesamt wächst die Liga fünf- bis sechs Mal so stark wie das Bruttoinlandsprodukt. Und: In den nächsten vier Jahren werden der Liga noch geschätzte 4,6 Milliarden Euro aus nationalen TV-Geldern zufließen. Dem Wachstum sind somit eigentlich keine Grenzen gesetzt.

Finanziell sehr solide, aber ohne Perspektive

Auch die einzelnen Klubs können finanziell als äußerst solide bezeichnet werden. Die durchschnittliche Eigenkapitalquote liegt bei 40 Prozent, auf der Aktivseite der Bilanz gibt es jede Menge stille Reserven und 16 der 18 Vereine erwirtschaften einen Nettogewinn. Was will man also mehr? Wie wäre es mit einer Perspektive?

Diese Perspektive müssen sich und der Liga die einzelnen Vereine selbst schaffen. Die Champions League ist hier ein elementarer Baustein der Ligaqualität. Eine erfolgreiche CL-Saison sorgt international für ein positives Image, eine Menge Geld und erhöht die Anziehungskraft für talentierte Spielerpersönlichkeiten. Und die werden dringend gebraucht.

Die Bayern - Endstation Halbfinale

Die Bayern sind unzweifelhaft das Aushängeschild der Bundesliga und werden dies auf lange Sicht auch bleiben. Allerdings haben sie es in den vergangenen Jahren verpasst, den dringend erforderlichen Erneuerungsprozess im sportlichen Bereich mit letzter Konsequenz anzugehen. Die mahnenden Worte von Robert Lewandowski sind da nur ein Ausdruck der aktuellen Ratlosigkeit.

Robert Lewandowski: "Fußball ist Kapitalismus pur"
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Robert Lewandowski: "Fußball ist Kapitalismus pur"

Finanziell hingegen spielt der FC Bayern nach Aussage seines Finanzchefs Dreesen "auf höchstem Champions-League-Niveau". Das ist richtig: Der Umsatz lag in der Spielzeit 2015/16 bei 630 Millionen Euro, der Gewinn vor Steuern und Abschreibungen (EBITDA) bei 142,5 Millionen Euro. In den vergangenen zehn Jahren legte der Verein ein Wachstum hin, das stärker war als das von SAP .

Alles grandios, nur die Zeiten ändern sich. Der Markt spielt verrückt und Präsident Uli Hoeneß will Transfersummen von 100 bis 150 Millionen Euro nicht mitgehen. Die Konsequenz könnte sein: Internationale Titel sind außer Reichweite und das CL-Halbfinale ist, wie stets, nunmehr das höchste der Gefühle.

Die Dortmunder - Endstation Viertelfinale

Schaut man sich die jüngere Geschichte von Borussia Dortmund an, so muss man sagen, dass dieser Verein seine Zufriedenheit allein aus dem Erreichen der Champions League zieht. Das Überwintern wird, wie stets nach zwei Spielen gegen Real Madrid, als Erfolg gewertet. Der BVB hat aus der Misswirtschaft der vergangenen Jahrzehnte gelernt und übt sich in Understatement. Finanzchef Thomas Treß sieht die Champions League als Schlüssel zum internationalen Erfolg.

Dortmunds Götze (l), Pulisic: CL ist entscheidend, um die stark gestiegenen Personalkosten zu decken
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Will man künftig an die großen TV-Gelder heran und auf den chinesischen Markt, wird es für den nachhaltigen Erfolg entscheidend sein, dauerhaft in der Champions League zu spielen. Nur so kann der Klub unter anderem seine Personalkosten von 178 Millionen Euro- übrigens 70 Prozent mehr als noch vor drei Jahren - künftig vernünftig decken. Das Erreichen des Viertelfinales wäre also schon großartig. Die direkte Qualifikation für die CL-Saison 2018/19 noch besser.

RB Leipzig - Dabei sein ist alles

RB Leipzig als dritter Vertreter der deutschen CL-Delegation hat eigentlich nichts zu verlieren. Man hat sich unerwartet, aber doch hochverdient für die CL-Saison 2017/18 direkt qualifiziert. Das Team spielt mit seinem Wunderstürmer Timo Werner einen erfrischenden Fußball und irgendwie hat man das Gefühl, dass der Club und auch das Leipziger Publikum auf die Champions-League nicht wirklich angewiesen sind.

Man pflegt ein durchaus unkompliziertes Selbstverständnis in Sachen internationales Geschäft und die finanzielle Absicherung scheint gegeben. Manager Ralf Rangnik weist zudem vehement künftige Transfers in Größenordnungen von mehr als 50 Millionen Euro von sich. Eine ehrenhafte Einstellung - hoffentlich können er und sein Klub dies durchziehen. Der Bundesliga wäre zu wünschen, das RB die Champions League genauso grandios rockt, wie sie es in ihrer ersten Saison in der Bundesliga getan haben. Man darf gespannt sein.

Der Matchplan der Bundesliga

Die Bundesliga steht derzeit vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen an einem Scheideweg: Bleibt sie eine der besten Ligen Europas und gar weltweit? Oder entwickelt sie sich zu einer Ausbildungsstätte für die wirklich großen Ligen? Der Matchplan sollte folglich neben einer gehörigen Portion Gelassenheit basierend auf den bisherigen Tugenden auch einen weiteren Professionalisierungsschub umfassen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Erfolge in der Champions League sind in diesem Zusammenhang überlebenswichtig.

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