21.04.2017  Wette auf Kursabsturz

Die mörderische Börsenwette des BVB-Bombers

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Anschlag auf BVB-Bus: Mit 15.000 Verkaufsoptionen auf Absturz der Aktie gewettet
DPA
Anschlag auf BVB-Bus: Mit 15.000 Verkaufsoptionen auf Absturz der Aktie gewettet

Dass jemand einen Anschlag auf eine börsennotierte Fußballmannschaft verübt und den Tod zahlreicher Menschen in Kauf nimmt, um anschließend an dem Absturz der Club-Aktie Geld zu verdienen, ist ein Novum in der Kriminalgeschichte. Doch möglicherweise war genau dies das Motiv des mutmaßlichen Tatverdächtigen Sergej W., den die Polizei in der Nacht zu Freitag festgenommen hat. Der 28jährige Deutschrusse habe 15.000 sogenannte Verkaufsoptionen (Puts) auf die Aktie von Borussia Dortmund erworben, teilte die Bundesanwaltschaft mit. Anschließend habe er durch den Bombenanschlag auf den Teambus des BVB versucht, möglichst viele Spieler zu verletzen oder zu töten, um an einem Absturz der BVB-Aktie Geld zu verdienen, lautet der Vorwurf.

Unabhängig von Schuld oder Unschuld des Tatverdächtigen: Kann solch ein wahnwitziges Vorhaben, wie es die Staatsanwaltschaft als mögliches Motiv geschildert hat, überhaupt funktionieren?

Richtig ist: Mit hoch spekulativen Optionsgeschäften lässt sich in der Tat mit überschaubarem Einsatz viel Geld verdienen - wenn man zum genau richtigen Zeitpunkt auf ein unwahrscheinliches Szenario (in diesem Fall Kursabsturz binnen kurzer Zeit) wettet.

Der Käufer eines Verkauf-Optionsscheins (Put) auf die Aktie von Borussia Dortmund wettet zum Beispiel darauf, dass diese Aktie innerhalb eines kurzen Zeitraums deutlich an Wert verliert. Der Spekulant geht mit einem solchen Finanz-Termin-Geschäft eine doppelte Wette ein: Er wettet auf eine bestimmte Kursentwicklung innerhalb eines bestimmten Zeitraumes.

Hebelwirkung erhöht die möglichen Gewinne

Theoretisch erwirbt der Anleger mit dem Optionsschein das Recht, eine bestimmte Anzahl von Aktien bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem bestimmten, vorher festgelegten Preis zu kaufen oder zu verkaufen, ohne die Aktien selbst vorher zu besitzen. Er muss dafür nur den vergleichsweise niedrigen Preis für den Optionsschein zahlen, kann im besten Fall aber immens hohe Gewinne erzielen, wenn sich der Aktienkurs so entwickelt, wie vom ihm erhofft. Man unterscheidet dabei zwischen Wetten auf steigende Kurse, sogenannten Calls, und solchen auf fallende Kurse, sogenannte Puts.

Bei einem solchen Optionsgeschäft wirkt ein so genannter "Hebel": Verliert die BVB-Aktie zum Beispiel 50 Prozent an Wert und liegt der Hebel des gekauften Optionsscheins bei 10, so legt der Wert des Optionsscheins um 500 Prozent zu. Ein solcher Hebel kann aber auch deutlich höher liegen und dafür sorgen, dass sich der Einsatz theoretisch mehr als verhundertfacht: Das ist dann der Fall, wenn der Finanzwette ein sehr spezielles Szenario zugrunde liegt (zum Beispiel: Aktie fällt binnen einer Woche unter einen festgelegten Preis).

Die rechnerisch hohen Gewinnchancen einer solchen Finanzwette leiten sich also daraus ab, dass es eben sehr unwahrscheinlich ist, dass ein solches Ereignis eintritt. Ein Attentäter würde in einem solchen Szenario auf eine perfide Weise versuchen, von "Insiderwissen" zu profitieren.

Die Finanz-Termin-Wette funktioniert natürlich auch andersherum: Mit einer Verkaufsoption (Put) wettet ein Börsenspekulant auf fallende Kurse eines Basiswertes (zum Beispiel einer Aktie oder eines Rohstoffes), mit einer Kaufsoption (Call) dagegen auf steigende Kurse. Noch größer als die Gewinnchance ist bei solchen Termingeschäften jedoch das Risiko, seinen Einsatz zu verlieren: Bewegt sich der Basiswert in die aus Sicht des Spekulanten "falsche" Richtung, verfällt der Optionsschein dramatisch an Wert. Bewegt sich der Basiswert nur wenig, verliert die Option ebenfalls an Wert, denn der Terminspekulant wettet ja auch gegen die Zeit.

Eine Optionswette ist, kurz gesagt, eine hochriskante Finanzwette mit hohem Verlustrisiko. Sie eröffnet hohe Gewinnchancen für den unwahrscheinlichen Fall, dass man zum genau richtigen Zeitpunkt den Absturz (oder Anstieg) eines Basiswertes vorhersagt.

Genau auf dieses Szenario - dramatischer Absturz der BVB-Aktie innerhalb kurzer Zeit - hatte der mutmaßliche Attentäter mit seinen Optionswetten offenbar gewettet.

Finanzaufsicht hätte bei BVB-Kurssturz Optionsgeschäfte geprüft

So weit die Theorie. Theoretisch kann man mit solchen Optionen sehr viel Geld verdienen - wenn man kurz vor einem dramatischen (Kurs)Ereignis mit seiner Finanzwette genau richtig liegt.

In der Praxis ist es aber höchst unwahrscheinlich, dass der mutmaßliche Täter seine wahnwitzige Finanz-Wette erfolgreich und unerkannt hätte einlösen können.

Im Fall eines Kurssturzes der BVB-Aktie nach einem tödlichen Attentat hätte die Finanzaufsicht Bafin sämtliche Optionsgeschäfte auf die Aktie unter die Lupe genommen und die Geldflüsse zurückverfolgt.

Bereits nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hatten die Finanzaufsichtsbehörden verdächtige Optionsgeschäfte überprüft. Da nach den Anschlägen von 9/11 vor allem Aktien von Versicherern und Rückversicherern binnen weniger Tage besonders stark einbrachen, prüften die Finanzbehörden, wer im Vorfeld der Anschläge in welchem Umfang auf einen Kursverfall solcher Aktien gesetzt hatte. Die Chance, unerkannt das Geld abzuheben und davonzukommen, ist dann denkbar klein. "Follow the Money" gehört zu den wichtigsten Untersuchungsansätzen der Fahnder.

Ein ähnliche Überprüfung hätte nicht nur am Finanzplatz Deutschland eingesetzt, wenn es im Fall BVB zum Schlimmsten gekommen wäre. Glücklicherweise kamen die Sportler bis auf einen Verletzten mit dem Schrecken davon - und auch die BVB-Aktie hat seit dem Anschlag auf den Bus um lediglich rund 5 Prozent geschwankt. Der Plan ist nicht aufgegangen - und hätte auch dann kaum Chancen auf Erfolg gehabt, wenn der Anschlag noch schlimmere Folgen gehabt hätte.

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