Kolumne "Chefsache"

Wie Bayern ab Sonntag zum Vorbild werden könnte

Von
Stellvertretender mm-Chefredakteur Sven Clausen
Olaf Ballnus
Stellvertretender mm-Chefredakteur Sven Clausen

Liebe Leserinnen und Leser,

mein Medien-Tipp für dieses Wochenende (, nachdem die jüngsten Kabale bei Thyssenkrupp immer noch nicht verfilmt sind): Sonntag, 18 Uhr, die Bayern-Wahl.

Die Ergebnisse werden ein paar ernste Fragen aufwerfen. Die Bildung demokratischer Mehrheiten wird zusehends komplizierter: Sie nimmt mehr Zeit in Anspruch, findet kleinere gemeinsame Nenner, ihre Ergebnisse sind fragiler.

Das ist per se schon mal nicht schön.

Parallel drängen konkurrierende Modelle auf die Bühne, die einfache, schnelle Lösungen versprechen. Über Bulldozer-Regimes wie das in China diskutieren ökonomische Fachkreise schon länger wohlwollend: Vielleicht ist diese Form des Staatskapitalismus doch dem pluralistischen System überlegen, gerade in Zeiten schwerer technologischer Umbrüche (Digitalisierung!) wie derzeit? Inzwischen ist der Respekt vor der Auf- und Überholjagd der chinesischen Volkswirtschaft im Mainstream angelangt. Wer wirklich etwas auf sich hält und bei der Digitalisierung mitreden will, fährt im Zweifel nicht mehr ins Silicon Valley, sondern eben gen China. Dass es sich dabei um eine unfreie Gesellschaft handelt, Thema oft nur noch für en passant.

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Hinzu kommt: In einem zunehmend großen privaten Teil unserer Lebenswirklichkeit wird uns Komplexität, Geduld, Verzicht auf die eigene Maximalposition immer mehr ausgetrieben. Datengetriebene Plattform-Konzerne wie Amazon oder Apple tun alles dafür, auch nur den Schimmer egoistischer Wünsche zu antizipieren und sofort zu erfüllen. Da braucht es nicht mal mehr einen Knopfdruck - ein Rülpsen, und der Sprachassistent bestellt die nächste Pizza.

Diese kaiserhafte, narzisstische Lebenswirklichkeit mit dem des kompromissbereiten, belastbaren Wählers in Einklang zu bringen, den gut funktionierende Demokratien brauchen, wird enorm schwer.

Ein beliebter Lösungsvorschlag ist, es mit starken Minderheitsregierungen zu versuchen, die sich fallweise Mehrheiten suchen. Das funktioniert vor allem in kleineren politischen Einheiten gut, wo es ein stabiles Verständnis des großen gemeinsamen Rahmens gibt, in den skandinavischen Ländern etwa.

Insofern könnte Bayern dann vielleicht doch ein ganz interessantes Experiment werden.

Machen Sie etwas aus Ihrem Wochenende,

Ihr

Sven Clausen


Chefsache ist der wöchentliche Newsletter aus der Chefredaktion des manager magazins.

Jeden Freitag Nachmittag kommentieren abwechselnd Sven Clausen, Steffen Klusmann und Martin Noé die vergangene Woche und geben einen Ausblick auf die kommende Woche.

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