Kolumne "Chefsache"

Was wir von den Briten lernen können

Von
Stellvertretender mm-Chefredakteur Sven Clausen
Olaf Ballnus
Stellvertretender mm-Chefredakteur Sven Clausen

Liebe Leserinnen und Leser,

faszinierend, was gerade in Großbritannien vor sich geht. Unsere britischen Nachbarn zeigen, wie eine wirklich ernst genommene Debattenkultur die Gewalt beim Wort belassen - und sie von der Straße fernhalten kann. Ebenso ernst wie emotional argumentierten Theresa May und Oppositionsführer Jeremy Corbyn im Unterhaus über den Brexit-Plan, den die Regierungschefin mit der EU ausgehandelt hatte. "Voices must be heard" - zwar musste Speaker John Bercow die rote Linie immer mal wieder ins Gedächtnis rufen, aber wirklich verletzt wurde sie nie. Er regelte den Ton gerade so, dass es nicht zu wüst, das Unterhaus aber gleichzeitig seiner Funktion als Forum der Volksvertreter gerecht wurde.

Da wird unser Bundestag aus den bekannten, vielfältigen Gründen (Historie, Parteiensystem, Architektur des Hohen Haus) wohl nie hinbekommen. Ich wäre derzeit sogar schon froh, wenn es angesichts der Volks-Furcht der ehedem als Volksparteien bekannten Regierungsparteien demnächst nicht noch hinterzimmermäßiger zugeht. Aktuelles Beispiel: Die Diskussion über die Vergabe der 5-G-Mobilfunklizenzen. Hört sich technisch an, ist aber für den Industriestandort wichtig und derzeit - unter bewusstem Ausschluss der Öffentlichkeit - bedauerlicherweise vor allem das Spielfeld der Hardcore-Lobbyisten der teilstaatlichen Deutschen Telekom.

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Aber ermuntern Sie doch vielleicht mal ihr direktes berufliches Umfeld zu einem offenen Wort. Das mag in der Anfangswirkung schmerzvoll sein, kann sich aber schon rasch danach für Sie lohnen, weil es bei der Herstellung klarer Verhältnisse hilft. Wer sich mal so richtig auspoltern darf, dem wird vielleicht erst dadurch klar, ob er noch an der richtigen Stelle wirkt und werkelt.

Theresa Mays Kabinett haben nach der internen Debatte zwei Minister verlassen, weil sie gemerkt haben: Ist nicht mehr der richtige Platz hier für mich. May beschied deren Entscheidung mit Respekt und dankte für die zurückliegende Arbeit. Jetzt fühlt es sich so an, als gebe es moralisch nur Gewinner.

Machen Sie etwas aus Ihrem Wochenende

Ihr

Sven Clausen


Chefsache ist der wöchentliche Newsletter aus der Chefredaktion des manager magazins.

Jeden Freitagnachmittag kommentieren abwechselnd Sven Clausen und Martin Noé die vergangene Woche und geben einen Ausblick auf die kommende Woche.

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