Kolumne "Chefsache"

Unsere liebsten Brieffreunde

Von
mm-Chefredakteur Steffen Klusmann (rechts) mit den Stellvertretern Martin Noé (links) und Sven Clausen (Mitte)
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mm-Chefredakteur Steffen Klusmann (rechts) mit den Stellvertretern Martin Noé (links) und Sven Clausen (Mitte)

Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Woche habe ich mir kurzzeitig ernsthaft Sorgen gemacht: Was sollen bloß die Nachbarn von uns denken?

Klaus Kleinfeld, als Vorstandschef des US-Milliardenkonzerns Arconic einer der wichtigsten Wirtschaftsbotschafter Deutschlands, hat einen Brief von verstörender Unreife geschrieben. Sein Adressat: Paul Singer, Chef des Finanzinvestors Elliott, der in den Monaten zuvor mit teils rüpelhaften Methoden auf die Abberufung Kleinfelds gedrungen hatte.

Dass sich Kleinfeld in solch einer Situation wehrt, ist nur logisch und richtig. Aber er sollte es dann halt auch gut machen. Stattdessen schrieb der Bremer Singer einen Brief, der dem strengen Wortsinne nach dem Milliardär kundtut, dass Kleinfeld wisse: Singer habe bei seinem Besuch der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland aber ganz schön kräftig gefeiert und dabei unter anderem mit Indianerkopfschmuck in einem Springbrunnen ein Lied gesungen. Also: Wenn das tatsächlich alles ist, muss man Singer und sein Gastgeberland nur beglückwünschen: freies Land, freie Feier.

Tatsächlich unterstellt Kleinfeld durch den Tonfall des Briefs aber, da sei bei Singers Besuch in Berlin noch etwas Anrüchiges passiert. Das wäre dann in der Tat relevant, weil es Singers Qualifikation als verantwortungsvoller Mit-Eigentümer großer Konzerne in Frage stellen könnte. Nur: Dann sollte Kleinfeld auch wirklich konkret und stichhaltig argumentieren, und eben nicht schmierig.

Seit heute bin ich glücklicherweise wieder fest davon überzeugt, dass Kleinfelds Fauxpas zu keiner ökonomie-diplomatischen Verstörung führen wird. Es ist einfach nur ein Einzelfall - wie er ähnlich bemerkenswerter Form auch immer mal wieder in den USA vorkommt - dieser Tage etwa dank Jeff Dunn, CEO von Juicero aus dem Silicon Valley. Der hat Investoren 120 Millionen Dollar für seine Firma abgeschwatzt, über die er nun mit dem Internet verbundene Saftpressen für 400 Dollar das Stück verkauft und vor allem Tütenobstschnitzel im Abo, damit die Presse auch etwas zu tun hat, und der Cash Flow stimmt. Problem: Die Obstschnitzel in Tüten lassen sich per Hand und ohne Internet genauso gut auspressen. Fortschritt gegenüber dem Steinzeitalter: 0.

Dunn tritt nun - ebenfalls per Brief - zur verteidigenden Gegenrede an. Ein Kernsatz: "Der Wert liegt darin, wie einfach es für einen erschöpften Papa ist, sich selbst etwas Gutes zu tun, während er die Kinder für die Schule fertig macht, ohne dass er Zutaten vorbereiten oder einen Entsafter säubern muss."

Auch hier scheint mir der CEO zu verworren zu denken. Viel einfacher ist es für die meisten Väter, es als etwas Gutes zu empfinden, die Kinder für die Schule fertig zu machen. Nicht zuletzt, weil der Nachwuchs mit ein bisschen Glück dort lernt, wie man richtig Briefe schreibt. Und wann man es vielleicht besser sein lässt.

Machen Sie etwas aus Ihrem Wochenende

Ihr

Sven Clausen


Chefsache ist der wöchentliche Newsletter aus der Chefredaktion des manager magazins.

Jeden Freitag Nachmittag kommentieren abwechselnd Sven Clausen, Steffen Klusmann und Martin Noé die vergangene Woche und geben einen Ausblick auf die kommende Woche.

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