Kolumne "Chefsache"

Die ärgerliche Selbst-Demontage deutscher Spitzenmanager

Von
mm-Chefredakteur Steffen Klusmann (rechts) mit den Stellvertretern Martin Noé (links) und Sven Clausen (Mitte)
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mm-Chefredakteur Steffen Klusmann (rechts) mit den Stellvertretern Martin Noé (links) und Sven Clausen (Mitte)

Liebe Leserinnen und Leser,

ein Fest für Wirtschaftstheoretiker, ein Trauerspiel für alle anderen: Nie ist das Versagen der deutschen Top-Manager in Anstandsfragen auf so tragische Weise deutlich geworden wie in diesem Monat.

Ich meine dabei gar nicht mal so sehr die Gehalts- und Pensionsgezocke aus Wolfsburg. Volkswagen halt.

Viel deutlicher geworden ist das bei der Abschieds-Telefonkonferenz, die ein distinguierter, grauhaariger Herr von 75 Jahren am 14. Februar aus Berlin abhielt: Manfred Gentz.

Vielen von Ihnen werden mit dem Namen jetzt so auf Anhieb wenig anfangen können und das ist schon mal das erste Problem. Denn Gentz ist Vorsitzender einer Kommission, die alle Chancen hatte, die Anstandsfragen der deutschen Wirtschaft zu klären. Ihr Ziel war im Grunde die Dauer-Friedensmission für das Verhältnis von Top-Managern und dem Rest der Gesellschaft, ihr Name entsprechend prunkvoll: Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex. Die Idee: Die Wirtschaft selbst erstellt sozial- und auch sonst verträgliche Regeln und hält sich daran, dann braucht es keine Gesetze.

Das hat nun nachweislich nicht geklappt: Eine populistische Spitze des anziehenden Bundestagswahlkampfs wird die Diskussion über ein neues Gesetz zur Begrenzung von Managergehältern sein, mitsamt dem zersetzenden Gebräu aus Vorurteilen.

Das Scheitern der Regierungskommission ist die Schuld der Spitzen der deutschen Wirtschaft. Sie haben sie systematisch geschwächt und ausgehöhlt und jetzt haben sie den Salat.

Der erste Vorsitzende der Kommission war Gerhard Cromme, damals der Godfather aller deutschen Aufsichtsräte und damit akzeptiert als Quasi-Gesetzgeber der deutschen Wirtschaft. Aber selbst der verlor an Autorität, was nur zum kleineren Teil an den sich abzeichnenden eigenen Schwächen als Chefkontrolleur bei ThyssenKrupp lag, zum größeren Teil daran, dass seinen Kollegen in den anderen großen deutschen Konzernen nicht gefiel, dass er tatsächlich Regeln aufstellte.

Ihre Antwort nach dem Ausscheiden Crommes: Sie bestimmten einen schwächeren Nachfolger - Klaus-Peter Müller, der im Hauptjob direkt vom Vorstandsvorsitz der Commerzbank auf deren Aufsichtsratschefposten gewechselt war und damit gleich mal in personam gegen eine Regel des Kodex verstieß.

Müller machte sich zur Hauptaufgabe, es sich mit möglichst niemandem zu verscherzen und als er nach fünf Anstandsjahren im Job selbigen 2013 wieder abgeben wollte, fand sich erst recht niemand. Beliebte inoffizielle Begründung: Man könne seinen Aktionären die Kosten für den Betrieb der Geschäftsstelle (von einigen hunderttausend Euro pro Jahr) nicht zumuten.

Mit Gentz fand man schließlich jemanden, der seine Jobs immer ohne viel Aufhebens einfach abgearbeitet hatte: Finanzvorstand von Daimler, Aufsichtsratschef der Deutschen Börse - das personifizierte Versprechen, keine Probleme zu machen.

Tatsächlich machte Gentz den Job um Lichtjahre besser als erwartet, das wurde vor allem in seiner letzten Telefonkonferenz im Februar deutlich. Nicht nur stellte er wesentliche Änderungen im Regelwerk vor: die Wiederentdeckung des Leitbilds des ehrbaren Kaufmanns, die Unterscheidung von Aufsichtsräten in "abhängig" und "unabhängig" (bei Volkswagen wird es ganz eng, einen "unabhängigen" auszuspähen).

Vor allem rechnete er, wenn man mal die guten Manieren des Mannes aus seiner Rhetorik herausstreicht, deutlich mit Ex-Seinesgleichen ab. Er kritisierte die Kritik an seiner Wiederentdeckung des "ehrbaren Kaufmanns" als kleingeistig und verpuzzelt. Er wies darauf hin, dass seine Ex-Berufskollegen jetzt nicht vor einem Gesetz zur Gehaltsbegrenzung bibbern und zittern müssten, hätten sie mal den Punkt 4.2. seines Kodizes berücksichtigt.

Gentz hat dem Amt inhaltlich und am Ende auch persönlich wieder Autorität verschafft. Ein Hochkaräter als Nachfolger hätte darauf aufsetzen und eine wichtige, glaubwürdige Stimme in der öffentlichen und nicht so öffentlichen Diskussion werden können. Stattdessen wurde Rolf Nonnenmacher zum Nachfolger Gentz' ausgewürfelt, ein Wirtschaftsprüfer. Der war in seinem Berufsleben freundlicher Dienstleister der Vorstände und Aufsichtsräte, für die er nun ab 1. März die Regeln aufstellen soll. Mit durchschlagender Autorität wird das sehr, sehr schwer.

Es wären ein paar interessante Kandidaten frei gewesen für den Job: Michael Diekmann, Ex-CEO der Allianz, Herbert Hainer, Ex-CEO von Adidas, Nikolaus von Bomhard, ab April Ex-CEO der Münchener Rück. Zum Teil mit viel Finesse bereiten sie sich darauf vor, möglichst schnell als Aufsichtsratschef in die Unternehmen zurückzukehren, die sie bis vor kurzem selbst geführt haben.

Vorsitzender der Regierungskommission für gute Unternehmensführung hätte in diesen Zeiten deutlich mehr Potenzial gehabt: Es ist ein Ehrenamt.

Ein anregendes Wochenende wünscht Ihnen

Ihr

Sven Clausen


Chefsache ist der wöchentliche Newsletter aus der Chefredaktion des manager magazins.

Jeden Freitag Nachmittag kommentieren abwechselnd Sven Clausen, Steffen Klusmann und Martin Noé die vergangene Woche und geben einen Ausblick auf die kommende Woche.

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