03.05.2018 
Börsengang des Tech-Riesen aus China

Wofür Xiaomi die Milliarden wirklich braucht

Von
Xiaomi-Gründer Lei Jun: Shops, Shops, Shops
AFP
Xiaomi-Gründer Lei Jun: Shops, Shops, Shops

"Als ich Xiaomi 2010 gegründet habe, war mir klar, dass es 15 Jahre dauern würde, bis Xiaomi reif für einen Börsengang sein würde".

Nicht einmal zwei Jahre ist es her, dass Xiaomi-Gründer Lei Jun diese Weisheit verkündete. Seine Meinung hat der Xiaomi-Chef mittlerweile geändert. Grundlegend.

Jetzt ist das IPO noch für dieses Jahr geplant - womöglich schon im Juni. Zehn Milliarden Dollar, so, heißt es, will Jun mit dem Listing einnehmen. Damit wäre es der größte Börsengang eines chinesischen Technologieunternehmens seit Alibabas 25-Milliarden-Dollar-Börsengang im Jahr 2014.

Und auch die Bewertung Xiaomis stellt vieles in den Schatten. Mit einer Bewertung von angeblich bis zu 100 Milliarden Dollar wäre Xiaomi dann der drittgrößte chinesische Technologiekonzern hinter Tencent und Alibaba - und würde selbst das chinesische "Google" Baidu und den Onlinehändler J.D.com überragen.

Dass Lei Jun sein Unternehmen bereits jetzt an die Börse bringen will, hat gute Gründe. Zum einen sind die Konditionen, die die Hongkonger Börse großen Technologieunternehmen seit neuem anbietet, sehr attraktiv: können diese doch die Stimmrechte, die an den Verkauf der neuen Aktien gekoppelt sind, massiv beschränken.

Vor allem aber ist das Geschäftsmodell, das Xiaomi mittlerweile betreibt, sehr kapitalintensiv - und hat mit den Anfängen als chinesischer Billig-Smartphoneanbieter mit schlankem Onlinevertrieb nicht mehr wirklich viel zu tun.

Xiaomi verdient zwei Dollar pro Smartphone - Apple mehr als 150

Denn auch wenn Xiaomi mit seinen acht Jahren noch recht jung ist, hat das Unternehmen bereits eine Krise hinter sich, die viele seiner Wettbewerber nicht überlebt hätten. Nach einem kometenhaften Aufstieg auf Rang eins der Smartphonehersteller in China 2014 fiel zwei Jahre später plötzlich der Absatz ins Bodenlose. Zu unattraktiv waren die Billig-Modelle von Xiaomi für viele Chinesen geworden. Die Kunden wandten sich teureren Herstellern zu - Marken wie Oppo, Vivo oder Huawei, die immer neue Modelle auf den Markt brachten, aufwändige Werbung machten und ihre Telefone in schicken Shops vertrieben.

Ganz anders als Xiaomi, das, um seine Preise niedrig zu halten, auf Onlineverkäufe setzte und auf teure Werbung verzichtete. Eine Strategie, die sich in China rächte: Alleine im zweiten Quartal 2016 sank der Absatz um fast 40 Prozent. Xiaomi rutschte aus den weltweiten Top 5 der Smartphonehersteller heraus.

Doch Lei Jun gelang die Kehrtwende. Statt auf China konzentrierte sich das Unternehmen nun auf Indien, wo Xiaomi zuletzt sogar den Marktführer Samsung überholt hat - und baute sein Geschäft in Bangladesh, Russland und Indonesien aus. Es gelang der Rebound: 2017 konnte Xiaomi seine Verkäufe wieder verdoppeln und kehrte auf Rang vier der weltgrößten Smartphonehersteller zurück.

Allerdings sind die Margen, die Xiaomi mit seinen Billig-Smartphones macht, im Vergleich zu Apple verschwindend gering. Während Apple Schätzungen zufolge rund 60 Prozent Bruttomarge erzielt, sind es bei Xiaomi laut aktuellen Zahlen lediglich knapp 9 Prozent.

Lediglich 2 Dollar, so Hochrechnungen von Counterpoint Research, verdient Xiaomi pro Gerät. Zum Vergleich: Bei Apple liegt der Wert Schätzungen zufolge bei 151 Dollar.

Discountprinzip im Tech-Sektor

Doch die günstigen Endgeräte sind für Xiaomi auch nur Mittel zum Zweck - so wie es Drucker für die Druckerindustrie sind - oder der Kindle für Apple . Deswegen ist Xiaomi mittlerweile dazu übergegangen, im Stil von Apple eigene Läden zu eröffnen. Neben Smartphones gibt es dort hunderte von intelligenten Geräten und Lifestyle-Produkten zu kaufen - von Smart-Watches über intelligente Lautsprecher, Smart-Home-Geräte bis hin zu Staubsaugern, Reiskochern und Rollern.

Läden, in denen die Kunden - ähnlich wie bei Discountern wie Aldi oder Lidl - günstige, aber zugleich qualitativ gute No-Name-Produkte kaufen können. Und von denen nach den Plänen von Lei Jun künftig Tausende in China und anderswo eröffnen sollen.

Und darüber will Xiaomi den Kunden dann das verkaufen, mit dem das Unternehmen wirklich Marge macht: Internetdienstleistungen - und Werbung. Die in den eigenen Shops abgewickelten Verkäufe sollen den Konzern zudem mit einem riesigen Datenschatz versorgen, an dem nicht nur Xiaomi selbst, sondern auch zahllose anderen Unternehmen interessiert sein dürften.

Doch der Aufbau des Ladennetzes - und der Ausbau des Ökosystems - ist teuer. Das ist der Grund, warum Jun jetzt wohl auch die Börse - zunächst in Hongkong und später womöglich auch in China - anzapfen will.

Dass der Traum von Internet-Konzern jenseits des Hardware-Imperiums tatsächlich funktioniert, muss der Tech-Unternehmer noch beweisen. Bislang machen die margenstarken Internetdienstleistungen - mit einer Bruttomarge von zuletzt satten 60 Prozent - gerade einmal 8,6 Prozent des Umsatzes aus. Der Börsengang soll dabei helfen, die lukrativen Geschäfte abseits des Smartphones auszubauen.

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