19.09.2018 
Welt-Handelsindex

Düstere Prognose vom Alibaba-Chef - hat er Recht?

Von
20 Jahre Handelsstreit? Alibaba-Gründer Ma blickt düster in die Zukunft
REUTERS
20 Jahre Handelsstreit? Alibaba-Gründer Ma blickt düster in die Zukunft

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Wird der Handelsstreit zwischen den USA und China tatsächlich 20 Jahre oder mehr dauern? Mit dieser Prognose machte in dieser Woche Jack Ma auf sich aufmerksam, Chef der Online-Plattform Alibaba, Multimilliardär und einer der weltweit prominentesten Unternehmer Chinas.

Mit Amerika und China, so Ma, wetteiferten die beiden führenden Wirtschaftsnationen der Welt um die globale Vormachtstellung. Das sei ein Wettstreit, der sich keineswegs mit dem Ende der Amtszeit von US-Präsident Donald Trump erledigt habe.

Was der Alibaba-Chef da in den Raum stellt, muss als finstere Prognose gewertet werden, angesichts, der Entwicklung, die der Handelsstreit zwischen den USA und China inzwischen bereits eingeschlagen hat. Erst in dieser Woche erreichte das Kräftemessen einen neuen Höhepunkt, als US-Präsident Trump den bereits bestehenden Strafzöllen auf chinesische Einfuhren in die USA weitere Sonderabgaben auf Güter im Wert von 200 Milliarden Dollar hinzufügte. Peking reagierte, wie sollte es anders sein, seinerseits mit der Ankündigung neuer Strafzölle auf Waren aus den USA im Wert von 60 Milliarden Dollar.

Die Auswirkungen dieser wirtschaftspolitischen Muskelspiele auf die Realwirtschaft lassen sich seit Monaten sehr konkret beobachten. Der Welthandelsindex etwa, den das Kölner Institut für Kapitalmarktanalyse (IfK) regelmäßig berechnet, und den manager magazin online exklusiv präsentiert, befindet sich seit geraumer Zeit unter Druck, und der Grund dafür sind nach Einschätzung der Experten vom IfK hauptsächlich die Streitigkeiten zwischen den führenden Wirtschaftsmächten USA, China sowie auch der Europäischen Union (EU).

Aktuell, so das IfK, ist der WHI auf den Stand von 77,7 Punkten erneut leicht gesunken. Seit etwa einem Jahr stagniert das Handelsbarometer nun bereits an der Marke von etwa 80 Punkten (siehe Grafik).

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Was das in Worten heißt, erläutert Markus Zschaber, Chef der gleichnamigen Vermögensverwaltung in Köln, der auch das IfK angehört. "Der Welthandel bleibt in einer kraftlosen Verfassung", sagt Zschaber. "Der Handelskrieg, ausgehend aus den USA, paralysiert förmlich viele wirtschaftliche Sektoren und sorgt bei den Investitionsabsichten für große Zurückhaltung in vielen Nationen."

Zwar befinde sich der Welthandel insgesamt nach wie vor in einem positiven wirtschaftlichen Umfeld, so der IfK-Chef. Besondere Wachstumseffekte für die Wirtschaft gingen jedoch nicht von ihm aus. Im Gegenteil: Durch den Handelskrieg bestehen Abwärtsrisiken, welche bei neuen Eskalationsstufen entsprechende konjunkturelle Kosten verursachen, so Zschaber.

Die Sorge teilen inzwischen zahlreiche weitere Ökonomen. Max J. Zenglein etwa, Leiter des Programms Wirtschaft am Berliner Mercator Institut für China-Studien (MERICS), formuliert seine Befürchtungen besonders drastisch: "Uns droht ein kalter Krieg in der Weltwirtschaft", sagt er in einem Interview mit Spiegel-Online. "Dieser Konflikt hat das Potenzial, eine globale Rezession auszulösen."

Dass der US-Präsident in dieser Woche diesen "Zollhammer" rausgeholt habe, versetze ihn in "tiefe Unruhe", sagte auch Holger Bingmann, Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Dienstleistungen, Außenhandel (BGA), gegenüber der Zeitung "Rheinische Post".

Der Welt-Handelsindex ...
  • ... fasst alle relevanten Daten aus den vier Logistikwegen Schifffahrt, Schiene, Straße und Lufttransport zusammen und bietet ein Gesamtbild des Welthandels in einer Zahl.
    Je höher oder tiefer der Index steht, desto besser respektive schlechter steht es um den Welthandel. Weißt der Welt-Handelsindex einen Stand zwischen 85 und 100 Punkten aus, befindet sich der Welthandel im Expansionsmodus. Bei Indexständen zwischen 55 und 0 Punkten schrumpft der Warenverkehr.
    Der Welt-Handelsindex wird vom Institut für Kapitalmarktanalyse, einer Tochter der Vermögensverwaltungsgesellschaft Dr. Markus C. Zschaber, herausgegeben und monatlich exklusiv auf manager magazin online veröffentlicht. Informationen zum Index gibt es auch unter www.kapitalmarktanalyse.com.

"Ich will mir gar nicht ausmalen, was passieren würde, wenn die Chinesen zu anderen, härteren Mitteln greifen würden", so Bingmann. "Sie könnten zum Beispiel im großen Umfang Kapital aus den USA abziehen. Dann müssten die USA auf einmal Hunderte Milliarden zurückzahlen. Das würde eine weltwirtschaftliche Krise auslösen."

Dass China die USA auch auf den Finanzmärkten angreifen wird, hält Ökonom Zenglein indes für unwahrscheinlich. Peking habe an Tumulten auf den internationalen Finanzmärkten kein Interesse, so der Volkswirt zu Spiegel-Online.

Verhandlungen, mit denen sich der Konflikt womöglich friedlich lösen ließe, hält Zenglein allerdings gegenwärtig ebenfalls für ausgeschlossen. "Chinas Führung wird so schnell keine Eingeständnisse machen", sagt er. "Zurückrudern wäre ein Zeichen der Schwäche."

Stattdessen müssen beide Seiten nach Ansicht Zengleins jetzt zunächst sämtliche Konsequenzen ihres Handelns ausbaden - und das kann dauern. Die Prognose von Alibaba-Chef Ma, wonach der Handelsstreit 20 Jahre oder mehr dauern kann, ist also womöglich nicht unrealistisch.

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