15.10.2018 
Start-ups als kreative Verstörer

Wie deutsche Unternehmen Innovation bekämpfen

Eine Meinungsmache von Florian Nöll
Als Apple-Chef Steve Jobs 2010 das erste iPad vorstellte, machten sich viele noch lustig über diese Innovation. Heute sind Tablets als Mini-Computer aus dem Alltag kaum wegzudenken
AFP
Als Apple-Chef Steve Jobs 2010 das erste iPad vorstellte, machten sich viele noch lustig über diese Innovation. Heute sind Tablets als Mini-Computer aus dem Alltag kaum wegzudenken

2. Teil: Das Establishment hat den Anschluss verpasst

Ein aktuelles Beispiel, wie verstört das Establishment auf solche kreativen Zerstörer reagiert, ist das Berliner Start-up Civey. Das Unternehmen fragt Bürger nach ihrer Meinung - und zwar massenhaft. Rund 2000 Onlinebefragungen sind täglich aktiv, drei Jahre nach seiner Gründung betreibt das Start-up das größte Panel für Markt- und Meinungsforschung in Deutschland. Das Who is Who der deutschen Medien setzt mittlerweile auf Daten aus Berlin.

Der Clou: Die Befragten erhalten sofort Feedback über den aktuellen Stand der Befragung. Und die Portale, auf denen die Ergebnisse der Befragungen stehen, erhalten zusätzliche Aufmerksamkeit. Anders als bei klassischen Meinungsumfragen liegen zwischen Abstimmung und Ergebnis also nur Sekunden. Zudem stehen die Umfrageergebnisse auch den Befragten zur Verfügung und nicht nur den Auftraggebern. Beim zweiten Nachdenken über das Geschäftsmodell von Civey fällt auf, dass hier ein Stück kundenzentrierter Basisdemokratie geübt wird - auch wenn mit den Abstimmungen kein Referendum verbunden ist. Aber die repräsentativen Ergebnisse können für jedermann als Meinungsbild im Land wahrgenommen werden.

Berliner Start-up zerstört etabliertes Geschäftsmodell

Genau darin besteht die kreative Zerstörung. Die klassischen Meinungsforschungsinstitute sehen ihre Befragungsergebnisse als Herrschaftswissen, das sie teuer verkaufen können. Civey gibt sein Wissen online und dem Befragten sogar kostenfrei preis. Damit zerstört Civey das Geschäftsmodell der etablierten Meinungsforscher. Denn wenn das aktuelle Meinungsbild für jeden jederzeit verfügbar ist, verlieren aufwendige Studien und Befragungen an Wert.

Die etablierten Anbieter brauchen jedoch die Erlöse aus dem Verkauf ihrer Befragungen, um ihre hohen Aufwendungen zu amortisieren. Gleichzeitig explodieren ihre Kosten: Wer geht schon noch ans Telefon, wenn Forsa & Co anrufen? Einer von hundert Angerufenen, wenn man Statistiken aus der Branche glauben darf. Und bald haben mehr Menschen in Deutschland einen Internet-Zugang als einen Festnetzanschluss. Das Establishment hat den Anschluss verpasst.

Die Reaktion der Etablierten ist das klassische Modell der Rückwärtsgewandten: Sie zweifeln den Wert der Befragungen an, stellen die Repräsentativität der Umfragen infrage und klagen vor ihren Gremien - in diesem Fall vor dem deutschen Presserat, der auch die Aufsicht über die Onlinepräsenzen der Medien hat. Dabei versuchen sie, wie 2010 bei Apples iPad, das neue Konkurrenzprodukt ad absurdum zu führen, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass sich diese Argumentation auf lange Sicht gegen sie selbst wenden wird.

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