13.03.2019 
SXSW-Konferenz

Die neuen Stars der Tech-Basis

Aus Austin berichtet
Mehr Applaus als Zuckerberg und Co.: Alexandria Ocasio-Cortez bei der SXSW 2019
AP
Mehr Applaus als Zuckerberg und Co.: Alexandria Ocasio-Cortez bei der SXSW 2019

Verkehrte Welt: Auf der South by Southwest in Austin, wo sich jedes Jahr die Tech-Szene versammelt, sind plötzlich Politiker die Helden - und scharfe Angriffe auf die Tech-Giganten Facebook, Google und Co völlig in Ordnung. Die Zeichen stehen auf Regulierung.

Ein Jahr ist es erst her, dass Tesla-Gründer Elon Musk in Austin wie ein Rockstar gefeiert wurde. Erst waberte sein Kommen als Gerücht über die Straßen von Texas Hauptstadt, wo wie immer Anfang März die South by Southwest (SXSW) stattfand, das wichtigste Tech-Festival der Welt. Dann stand Musk plötzlich als Überraschungsgast auf der Bühne eines Panels und versprach am nächsten Tag seinen Fans Rede und Antwort zu stehen. Tausende Besucher standen schon am Vortag in langen Ticketschlangen, um ihren Messias einmal live zu sehen. Elon! Elon!

Musks Auftritt, der in Bomberjacke mit seinem Kumpel, dem Westworld-Produzenten Jonathan Nolan, über interstellare Reisen und Bars auf dem Mars sprach, geriet dann zwar eher wirr ("Ich habe kein Geschäftsmodell"), aber das machte nichts: Die Tech-Szene, die sich hier alljährlich versammelt, war begeistert. Und Musk, das muss man ihm lassen, ist in der Tat einer der wenigen CEOs mit Entertainergen.

In diesem Jahr traute sich keiner. Die Stars aus dem Silicon Valley mieden Austin und überließen die Bühnen Techies aus der zweiten Reihe wie Priscilla Chan, die über die Arbeit der Stiftung sprach, die sie mit ihrem Ehemann, Facebook-CEO Mark Zuckerberg, gegründet hat. Oder den beiden Instagram-Gründern Mike Krieger und Kevin Systrom, die mittlerweile ein neues Start-up aufbauen.

Wachsende Skepsis vor den großen Tech-Konzernen

Was sich indes wie ein roter Faden durch die Panels, Partys und Keynotes zog war eine wachsende Skepsis: vor den großen Tech-Konzernen, denen man hier lange huldigte, und den Segnungen des unregulierten Internets.

Begeisterten Applaus bekamen nicht Milliardäre wie Zuckerberg, Amazon-Boss Jeff Bezos oder Twitter-Gründer Jack Dorsey, sondern all diejenigen, die Demokratie und Gesellschaft vor deren Unternehmen beschützen wollen. So waren die Stars von 2019 Politiker wie EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager oder die US-Kongressmitglieder Elizabeth Warren und Alexandria Ocasio-Cortez. Warren, die Donald Trump im nächsten Jahr als Kandidatin der Demokratin aus dem Oval Office vertreiben möchte, sprach sich dafür aus, Facebook, Amazon & Co. aufzubrechen. Die würde für "mehr Wettbewerb und robuste Märkte" sorgen. "Weniger Monopolgewinne? Boo hoo", sagte Warren. Instagram zum Beispiel würde als separate Einheit für mehr Wettbewerb im Bereich Datenschutz sorgen.

Die 29-Jährige Ocasio-Cortez ist in den USA so etwas wie ein cooler Kevin Kühnert: jung, links und Social-Media-affin. Auf Twitter folgen ihr mehr als 3,5 Millionen Menschen. Im Repräsentantenhaus vertritt sie die New Yorker Bezirke Queens und die Bronx. Ocasio-Cortez diskutierte in Austin über ihre Vision eines "demokratischen Sozialismus" und sprach sich für eine Steuer auf Roboter aus, die menschliche Arbeitsplätze ersetzen.

Ein Teilnehmer der South-by-Southwest-Konferenz in Austin (Texas) fährt mit einem E-Scooter davon
REUTERS
Ein Teilnehmer der South-by-Southwest-Konferenz in Austin (Texas) fährt mit einem E-Scooter davon

Wie sehr sich die Zeiten geändert haben zeigte auch ein Panel zur moralischen Verantwortung der Werbeindustrie. Sie ist es ja, die mit ihren Ad-Milliarden Instagram, Youtube und Co. finanziert, deren Hassvideos und Verschwörungspost immer bedrohlicher für den gesellschaftlichen Zusammenhalt werden.

Matt Rivitz, Co-Gründer der Initiative Sleeping Giants, forderte dort mehr Wettbewerbsdruck für die Social-Media-Plattformen und verglich sie mit einem noch kaum entwickelten Baby, "das in der einen Hand ein Messer, in der anderen eine Flasche Jack Daniels hält". Bezeichnend war eine Frage aus dem Publikum, wie Marketingchefs mit schlechtem Gewissen sich dem Druck des Boards entziehen können, weiter günstige Werbung auf Facebook zu schalten. Noch vor zwei Jahren wären solche Sorgen und so eine Veranstaltung kaum vorstellbar gewesen.

Die Komikerin Kathy Griffin berichtete indes davon, wie es ist, vom rechten Mob auf Twitter und anderen Plattform verfolgt zu werden. Bis heute bekommt sie die perversesten Todesdrohungen, weil sie mit einer blutigen Maske von Präsident Trump posierte. Griffin, ein bekannter TV-Star, wurde von den Social-Media-Konzernen weder kontaktiert, beschützt noch anderweitig unterstützt.

Instagram-Gründer bekamen die neue Haltung zu spüren

Selbst die Instagram-Gründer Krieger und Systrom bekamen die neue Haltung der Szene zu spüren, als der Interviewer von Techcrunch sie mehrmals darauf hinwies, dass er auf Instagram problemlos Opioid-Dealer kontaktieren konnte. Sein Schulfreund war an einer Überdosis gestorben. Krieger und Systrom waren irritiert und versprachen Besserung. Nur liegt ihr Start-up mittlerweile in den Händen von Sheryl Sandberg und Mark Zuckerberg, die bislang eher zögerlich reagierten, wenn bei Facebook oder Instagram Missbrauch offenbar wurde.

In diese Kerbe schlug auch Roger McNamee, der früh in Facebook investierte und Zuckerberg in den Anfangsjahren als Mentor zur Seite stand. "Ich war ein Tech-Optimist wie alle anderen auch", sagte er. Der Investor hat gerade ein Buch namens "Zucked" veröffentlicht, indem er beschreibt, wie er Zuckerberg und Sandberg schon vor der Wahl Trumps über auffällige Aktivitäten auf Facebook informierte. Sie handelten nicht. Später kam heraus, dass das soziale Netzwerk massiv zur Beeinflussung von Wählern missbraucht wurden.

Facebook-Investor der ersten Stunde keilt gegen Facebook und Co

McNamee hält die großen Datensammler aus dem Silicon Valley - also auch Google oder LinkedIn - mittlerweile für eine Bedrohung der Demokratie. Ihr Geschäftsmodell sei außer Kontrolle.

McNamee, der mittlerweile Warren und andere Politiker berät, will erreichen, dass es im Präsidentschaftswahlkampf 2020 auch um Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung geht. "Ich möchte nicht, dass sie wissen, was genau ich mir im Netz anschaue. Das können wir besser", so McNamee.

An Zuckerberg, Dorsey und Co. hatte er in Austin einen Rat: Wenn sie der Gesellschaft wirklich etwas Gutes tun wollen, sollten sie ihre Milliarden nicht in Stiftungen pumpen. Viel sinnvoller wäre es, wenn sie ihre Plattformen so regulieren würden, dass sie wieder dem Wohl ihrer Nutzer dienten.

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