21.09.2018 
Stillstand in der Tech-Szene

So wenig Investorinnen gibt es in Deutschland

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Die wohl erfolgreichste Tech-Investorin Mary Meeker gründet jetzt ihre eigene Investmentgesellschaft
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Die wohl erfolgreichste Tech-Investorin Mary Meeker gründet jetzt ihre eigene Investmentgesellschaft

Während Investorinnen in den USA immer wichtiger werden, bewegt sich in der deutschen Technologie-Szene wenig.

Für die legendäre Investmentfirma Kleiner Perkins ist es eine Zäsur: Die erfolgreichste Tech-Investorin Mary Meeker verlässt den Risikokapitalgeber aus dem Silicon Valley, um eine eigene Firma zu starten. Die jährlichen Prognosen Meekers über die nächsten Internet-Trends werden weit beachtet, ihr Name ist nicht nur in der US-amerikanischen Tech-Szene eine Größe.

Meekers Abgang passt in eine Bewegung, die seit der #MeToo-Debatte in den USA an Kraft gewinnt: Frauen in der Tech-Szene gründen eigene Investmentgesellschaften, ihre Fonds bekommen mehr Geld und sie erhalten wichtige Positionen bei bekannten Venture Capitalists (VCs).

Der Trend aus dem Valley scheint allerdings nicht nach Deutschland zu schwappen. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Wie aber eine Auswertung von manager-magazin.de zeigt, sind nur 3,2 Prozent der Partner-Positionen mit Frauen besetzt. Untersucht wurden 30 aktive Technologieinvestoren mit Büro in Deutschland anhand ihrer Webseiten und dem Karrierenetzwerk LinkedIn. Berücksichtigt man die Entscheider der drei staatlichen Wagniskapitalgeber High-Tech Gründerfonds, die IBB Beteiligungsgesellschaft und Bayern Kapital, erhöht sich die Quote auf 5,5 Prozent. Diese Zahlen decken sich mit der Schätzung von Branchenkenner und EY-Partner Peter Lennartz, der den Frauenanteil unter den Entscheidern bei VCs bei etwa vier Prozent sieht.

"Es ist offensichtlich, dass die Venture-Capital-Branche ein riesiges Problem hat", sagt Christian Miele, Partner bei dem Wagniskapitalgeber E.ventures in Berlin. "Die Frauenquote ist weiterhin vernichtend." Sein Eindruck sei aber, dass der Nachwuchs weiblicher werde und mehr Analystinnen beschäftigt würden. "Nach und nach wird es dadurch erfahrene Investorinnen für Partnerinnen-Positionen geben."

"Bei gleich Qualifizierten würden wir eine Frau bevorzugen"

Den Nachwuchs zu finden sei dabei gar nicht so leicht. "Als wir vor anderthalb Jahren einen Analystenjob vergeben wollten, haben wir 200 Bewerbungen bekommen - aber nur etwa 5 Prozent kamen von Frauen." Lediglich mit sehr viel Mühe habe man seitdem zwei Investorinnen gewinnen können. "Wir müssen selbst mehr dafür tun, um die Frauenquote in unserer Branche zu verändern."

Einer der älteren Wagniskapitalgeber Deutschlands ist Earlybird, das in 14 Partnerjobs keine Frau beschäftigt. Mitgründer Hendrik Brandis sagte auf manager-magazin.de-Anfrage: "Bei gleich Qualifizierten würden wir eine Frau bevorzugen. Nur bekommen wir kaum gleich qualifizierte Bewerbungen." Er hoffe, dass sich das ändern werde. "Es gibt einige ermutigende Hinweise dafür", so Brandis. Nach und nach sehe er mehr Frauen im Pool der Bewerber, da auch die Zahl der IT-Expertinnen, Unternehmensberaterinnen und ehemaligen Gründerinnen steige.

Der kapitalstärkste Tech-Investor Deutschlands ist Rocket Internet. Das Unternehmen von CEO Oliver Samwer investiert über seine Fonds Global Founders Capital und Rocket Internet Capital Partners mehrere Milliarden Euro in Start-ups. Für einen neuen Fonds mit noch mehr Geld spricht Samwer bereits mit Investoren. Doch auch hier gibt es ausschließlich Männer auf Partner-Ebene. Manager-magazin.de-Anfragen zum Thema ließ das Unternehmen unbeantwortet.

Skandalwelle in den USA

Wagniskapital ist eine der Branchen, in der die Geschlechterverhältnisse am meisten verzerrt sind. Das ist auch in den USA nach wie vor der Fall. Dort sind einer Untersuchung zufolge 9 Prozent aller Entscheider bei Risikokapitalgebern Frauen. Der US-Branchenverband kommt auf ein ähnliches Ergebnis: 89 Prozent der Partner-Jobs in den USA seien mit Männern besetzt, schreibt Bloomberg.

Bis das Verhältnis etwa ausgeglichen ist, dürfte es noch Jahrzehnte dauern. Der Anfang aber könnte sich in den USA in diesen Monaten abzeichnen. Die #MeToo-Debatte scheint den Anstoß gegeben zu haben: Renommierte Medien wie die "New York Times" oder der "New Yorker" berichteten ausführlich über eine sexistische Kultur und Belästigungsvorwürfe im Silicon Valley. Während ein Skandal in der deutschen Start-up-Szene bisher ausgeblieben ist, implodierte in den USA die Investmentgesellschaft Binary Capital nach Anschuldigungen gegen den Mitgründer Justin Caldbeck. Weitere Top-Investoren mussten nach ähnlichen Episoden ihre Positionen räumen.

Die Gesellschaften heben nun mehr und mehr Frauen in die Top-Jobs. Der erfolgreiche Wagniskapitalgeber Andreessen Horowitz hat in knapp zwei Monaten drei Frauen in die obersten Ränge befördert - erstmals seit der Gründung 2009. Bei Greylock Partners, das durch Investments in Facebook und LinkedIn bekannt ist, wurde die 28-jährige Sarah Guo im Mai einzige "General Partner". Ihre Vorgängerin Sarah Tavel war zum Investor Benchmark gewechselt, wo sie die erste Frau auf höchster Ebene wurde. Weitere namhafte Tech-Investoren wie Union Square Ventures oder FirstMark holten ebenfalls erst vor wenigen Monaten Frauen in die Top-Positionen, Sequoia Capital gar das erste Mal in 44 Jahren Unternehmensgeschichte.

Gründerin und Investorin Anu Duggal
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Gründerin und Investorin Anu Duggal

Immer mehr VCs investieren außerdem gezielt in Unternehmen von Gründerinnen. Die Vehikel sind vergleichsweise klein, allerdings erhalten sie langsam mehr Kapital. Der New Yorker Fonds Golden Seeds hat bereits mehr als 100 Millionen US-Dollar investiert, der Female Founders Fund (F3) schloss Anfang September seinen zweiten Fonds mit 27 Millionen US-Dollar. Ihr erstes Vehikel legten Anu Duggal und Sutian Dong 2014 noch mit rund acht Millionen Dollar auf. Das neue Netzwerk #Angels, das von sechs ehemaligen Twitter-Managerinnen gestartete wurde, vergibt seit Kurzem kleinere Beträge.

"Eine Situation, in die wir gezwungen wurden"

Mehr Geld gibt es von Etablierten: Die Investmentbank Goldman Sachs will 500 Millionen US-Dollar in Unternehmen investieren, die von Frauen geführt werden. Dabei schaut Goldman vor allem auf die Finanzindustrie. Melinda Gates kündigte im Frühling an, über ihre Stiftung 170 Millionen US-Dollar auszuzahlen, um Benachteiligung von Frauen in der Wirtschaft zu bekämpfen. Risikokapital ist dabei ein Bereich: So unterstützt Gates die Bewegung All Raise. Sie wurde von Cowboy-Ventures-Gründerin Aileen Lee gestartet und will den "Boys Club" im Silicon Valley aufbrechen. Damit schaffte es Lee im April bis auf das Cover von "Forbes".

Christine Tsai, Chefin des Frühphaseninvestors 500 Startups, sieht die Entwicklung insgesamt positiv. Es sei allerdings zu früh, um zu sagen, ob durch die Bewegungen auch mehr Gründerinnen an Kapital gelangen würden, erklärte sie der "Financial Times". Tsai übernahm den Posten, als vergangenes Jahr ihr Vorgänger Dave McLure abtreten musste: Er hatte Frauen belästigt.


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Start-ups, die nur von Frauen gegründet wurden, haben in den USA vergangenes Jahr gerade einmal 2 Prozent des Risikokapitals erhalten. Eine Analyse der Datenbank Crunchbase gibt weltweit einen Wert von etwa 3 Prozent aus. Selbst die erfolgreiche US-Gründerin Katrina Lake musste mit wenig Kapital auskommen. Mit ihrem Unternehmen Stitch Fix, das sie im November 2017 an die Nasdaq gebracht hat, setzt sie nahezu eine Milliarde US-Dollar um. Aufgebaut hat sie das Start-up hingegen mit 42 Millionen Dollar. Gerne hätte sie mehr Wagniskapital erhalten, sagte Lake zu "Forbes". "Seien wir ehrlich: Das war die Situation, in die wir gezwungen wurden - und wir haben das Beste daraus gemacht."

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