07.05.2018  Interview mit Big-Tech-Kritiker Scott Galloway

Warum die vier großen Tech-Konzerne zerschlagen werden müssen

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Scott Galloway liebt sein iPhone und Amazons Premiumdienst "Prime" - dennoch hält er die großen Techkonzerne für gefährlich
imago/All Over Press Finland
Scott Galloway liebt sein iPhone und Amazons Premiumdienst "Prime" - dennoch hält er die großen Techkonzerne für gefährlich

NYU-Professor Scott Galloway erklärt, warum Facebook, Google und Co. auseinandergerissen werden müssen.

Das folgende Interview stammt aus der März-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Februar erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Da mit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

manager magazin: Herr Galloway, Sie fordern die Zerschlagung von Amazon, Google, Apple und Facebook. Ungewöhnlich für jemanden, der selbst Techkonzerne berät.

Scott Galloway: Es gibt ein Marktversagen. Diese Unternehmen sind zu groß und zu mächtig geworden. Sie nutzen ihre Monopolstellung aus. Es ist Zeit, den Markt wiederzubeleben, indem man sie auseinanderbricht.

Klingt nicht gerade realistisch.

Das sehe ich anders. Die Stimmung hat sich gedreht, es braut sich ein perfekter Sturm zusammen. Ich glaube, dass wir die ersten Schritte - ob härtere Regulierung, Besteuerung oder ein kartellrechtliches Vorgehen - innerhalb der kommenden zwölf Monate sehen werden.

In den USA werden Techmanager mit Wall-Street-Bankern verglichen. Zu Recht?

Banker sind ein interessanter Vergleich. Die fehlende Regulierung der Finanzbranche hat zu einer Krise geführt, die die ganze Weltwirtschaft bedrohte. Bei den Techplattformen fehlen ebenfalls Schutzmechanismen. Allerdings sind sie im Silicon Valley smarter als an der Wall Street.

Inwiefern?

Die Typen managen ihre Marken besser. Sie haben dazugelernt. Microsoft hatte anfangs so gut wie keine Lobbyisten unter Vertrag. Weder Steve Ballmer noch Bill Gates waren sympathische Typen, sie kamen wie Konservative rüber. Und die werden als smart, aber bösartig wahrgenommen. Liberale wie ich gelten dagegen als nett, aber schwach. Das nutzen die Techkonzerne. Es ist kein Zufall, dass die Topshots der Branche öffentlich gern über progressive, liberale Werte sprechen.

Alles nur Show?

So verkleidet sich der Wolf als Schaf. Es ist unmöglich, etwa Tim Cook, den Apple-Boss, nicht zu mögen. Der erste schwule CEO einer "Fortune"-500-Company, da denkt man: Er versteht den Kampf der Marginalisierten. Ich glaube, dass er ein wundervoller Mensch ist - aber gleichzeitig wird er Spotify niedermachen, obwohl es die bessere Musikplattform ist.

Wieso ballt sich die Kritik ausgerechnet jetzt?

Weil sich einiges angesammelt hat. Zum Beispiel die Frau, die sehr eindrücklich geschildert hat, welche kulturellen Probleme bei Uber herrschen, oder der Fakt, dass es der Wirtschaft gut geht, aber nicht der Mittelklasse. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war die Entdeckung, dass einige dieser Plattformen von unseren Feinden im Ausland als Waffe gegen uns eingesetzt wurden. Es war eine Katastrophe, wie Facebook darauf reagiert hat. Zunächst haben sie so getan, als sei das eine verrückte Unterstellung. Dann hieß es, das sei ein isolierter Vorfall. Mark Zuckerberg mag ein Genie sein, aber er begreift die Tragweite seiner Entscheidungen oft nicht. Wir wissen, dass Exxon sich nicht um uns kümmert, wenn wir alt werden. Aber wir dachten, Facebook wäre netter. Es ist unsere eigene Schuld.

Die Leute regen sich kurz auf und machen dann weiter wie bisher. Sie haben ja auch ein iPhone vor sich auf dem Tisch liegen.

Die Gegenbewegung wird nicht von den Konsumenten ausgehen, sondern von den Wählern. Ich gebe Ihnen recht, die Leute mögen wütend sein auf eine Firma, kaufen das schwarze T-Shirt für 9,99 Dollar dann aber doch. Bei den Wählern ist das anders. Da würde vermutlich eine Mehrheit für Gesetze stimmen, die Apple mehr Steuern abverlangen oder Google und Facebook als Medienkonzerne regulieren. Das tut ihnen persönlich ja nicht weh.

Welcher Konzern ist für Sie die größte Bedrohung?

Google, wegen all der Daten, die es besitzt. Was würde es wohl bedeuten, wenn man Ihr Gesicht und Ihren Namen mit all den Google-Suchen veröffentlichte, die Sie jemals gemacht haben? Mit allen! Das ist verdammt angsteinflößend. Google weiß, ob Sie sich verloben wollen, ob Sie sich gern wie eine Frau anziehen oder ein heimlicher Homosexueller sind. Was passiert, wenn Google gehackt würde? Wir hätten soziales Chaos.

Apple hat Milliarden aus dem Ausland zurück in die USA geholt. Beugt sich Tim Cook damit schon dem steigenden Druck ?

Nein, nur dem niedrigeren Steuersatz. Die Techindustrie hat immer wieder erzählt, das US-Steuersystem könne international nicht mehr mithalten. Wenn sich das ändere, würde sie ihr Geld zurückholen und Jobs schaffen! Alles Quatsch. Apple war in den USA ja nicht knapp an Kapital. Der Konzern hätte problemlos mehr Leute einstellen können. Jetzt haben wir diesen Zehnjährigen im Weißen Haus, mit dem die CEOs spielen: Sie sagen ihm, er sei cool, und er lässt sie gewähren.

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