08.11.2018 
Digitalisierung und NGOs

Warum sich viele NGOs mit der Digitalwelt schwertun

Von
Seenotretter im Mittelmeer
AFP
Seenotretter im Mittelmeer

Crowdfunding macht es möglich. Innerhalb weniger Wochen haben Aktivisten um den sizilianischen Politiker Erasmo Palazzotto mehr als 300.000 Euro für ihr Schiff "Mare Ionio" gesammelt - das erste unter italienischer Flagge, das sich der Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer verschrieben hat, zum Ärger der rechten Regierung.

Für solche Projekte wie gemacht scheint die Idee des Crowdfundings, Geldgeber über das Internet direkt mit guten Zwecken zu verbinden. Indiegogo-Mitgründer Slava Rubin schwärmte vor zwölf Jahren von der "Demokratisierung der Finanzen", "jedem zu erlauben, Geld für jede Idee einzuwerben".

Tatsächlich jedoch kommt die überwältigende Mehrzahl der besonders erfolgreichen Vorhaben auf Indiegogo, Kickstarter und Co. neuen Blockchain-Experimenten in der Welt der Kryptomünzen, aufwendigen Videospielen oder Gadgets zugute. Gesellschaftliche Wohltaten sind eher Ausnahmen weit unten unter den Top 100, etwa das 2014 gestartete digitale Bildungsprojekt "An Hour of Code for Every Student".

Unter NGOs wird schon diskutiert, ob die neuen digitalen Möglichkeiten nicht eher schaden. "Die Anliegen mit den traurigsten Geschichten und den Mitteln zur Kommunikation über die Social-Media-Kanäle von Crowdfunding sind nicht immer diejenigen, die am meisten Gutes tun", heißt es im "Non Profit Quarterly".

Wenn die Geldgeber aus der Crowd sich schon einmal zu einem guten Zweck zusammenfänden, schössen sie übers Ziel hinaus. Beispielsweise wurden 2012 für die Schulbusbegleiterin Karen Klein, die von Schülern gemobbt wurde, ganze 700.000 Dollar gespendet, um ihr einen Urlaub zu gönnen. Als der Initiator vorschlug, das viele überschüssige Geld systematischen Anti-Mobbing-Initiativen zu geben, widersprach die Community: Alles für Karen - die daraufhin ihren Job aufgab.

Crowdfunding könne keine langfristige Planung von Organisationen ersetzen, verdränge diese aber teilweise, schreibt das "Non Profit Quarterly". "Einer Person die Arztrechnung zu bezahlen hilft nicht den Millionen ohne Krankenversicherung, macht Krankenhäuser nicht effizienter oder setzt die Regierung unter Druck, Gesundheitsversorgung als Recht wahrzunehmen."

Eine aktuelle Studie des "Betterplace Lab" hat die Lage der Digitalisierung in deutschen Non-Profit-Organisationen untersucht. Fast die Hälfte der kleineren Gruppen mit Budgets unter 10 Millionen Euro gab zu Protokoll, "dass ihnen die notwendigen Ressourcen fehlen, um die Digitalisierung voranzutreiben und dass sie die Anfangsinvestitionen für Digitalisierung nur schwer aufbringen könnten."

Es liegt nicht unbedingt an mangelndem Wissen oder mangelndem Willen. "Momentan funktionieren unsere Spendenkanäle noch sehr klassisch. Unsere Hauptspender sind im Alter von 60-80 Jahren", wird in der Studie Nina Krüger von der Bundesvereinigung Lebenshilfe zitiert. Spenden ließen sich gut über persönliche Ansprache oder Postwurfsendungen einwerben, online sei "vernachlässigbar". Aber: "Man muss kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass uns hier bald ein enormer Wandel bevorsteht."

Die zum Institut der deutschen Wirtschaft gehörende IW Consult hat in einer weiteren Studie gar den Anspruch einer "Vermessung des Digitalisierungsstands von NGOs in Deutschland" - allerdings mit einer breiten Definition, die auch hunderttausende Vereine vom Sport- bis zum Karnevalsclub einschließt.

Ergebnis: "Gegenwärtig scheinen noch viele Organisationen den strukturellen Wandel im Non-Profit-Sektor hin zu agilen, flexiblen und digitalen Organisationsformen zu unterschätzen." Nur jede fünfte habe eine übergreifende digitale Strategie.

Gegenbeispiele gibt es allerdings auch. Nach dem Vorbild der US-Gruppe Moveon.org hat sich in Deutschland die grünennahe Organisation Campact darauf spezialisiert, digitale Kanäle maximal wirksam zu nutzen.

Für Kampagnen wie "Keine Patente auf Leben", "Rettet die Bienen" oder "Auch Konzerne müssen Steuern zahlen" finden sich schnell hunderttausende Unterstützer, die oft zunächst nicht viel mehr tun müssen, als einen Like auf Facebook zu vergeben oder eine Online-Petition zu unterschreiben. In ausgewählten Fällen lassen sie sich dann noch ganz analog für Großdemos mobilisieren.

Nach eigenen Angaben erreicht Campact 2,1 Millionen Menschen in seiner "Bürgerbewegung", obwohl der Verein selbst nur zwölf Mitglieder hat. Auch hier ist der digitale Ansatz ein Bruch mit dem althergebrachten Modell der Massenbewegung.

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