10.12.2018 
Antwort auf drei zentrale Fragen

Was kommt eigentlich nach der Digitalisierung?

Eine Meinungsmache von Tobias Kollmann
Was kommt eigentlich nach der Digitalisierung? Am 3. Dezember beginnt der Digital-Gipfel der Bundesregierung 2018 in Nürnberg.
DPA
Was kommt eigentlich nach der Digitalisierung? Am 3. Dezember beginnt der Digital-Gipfel der Bundesregierung 2018 in Nürnberg.

Autonome Autos, Pflegeroboter, immer leistungsfähigere Künstliche Intelligenz: Der digitale Wandel verändert alle Lebensbereiche noch stärker, als viele es für möglich hielten. Die Diskussion darüber pendelt zwischen großer Begeisterung für die digitalen Technologien und ihrer radikalen Ablehnung. Zeit, sich darüber klar zu werden, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.

Große gesellschaftliche Veränderungen stoßen fast immer auf Vorbehalte, Ängste und Ablehnung. So ist es auch bei vielen Themen rund um die Digitalisierung: Big Data, Künstliche Intelligenz (KI), Online-Plattformen, Digitalkunde in (Grund-)Schulen oder autonomes Fahren - überall scheinen zunächst einmal die Abwehrreflexe einzusetzen. "Roboter ersetzen Jobs", titeln Magazine; "Kinder daddeln nur noch auf ihren Handys", schimpfen besorgte Eltern; das autonome Fahren gefährdet die Verkehrsteilnehmer, warnen Experten. Die Digitalisierung und insbesondere das Thema Künstliche Intelligenz rührt an gesellschaftliche Grundfragen.

Tobias Kollmann
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    Tobias Kollmann ist Professor für BWL und Wirtschafts-Informatik an der Universität Duisburg-Essen. Seine Schwerpunkte sind E-Business und E-Entrepreneurship.

Auf der anderen Seite werden die Antworten auf wichtige Fragen, welche Vorteile die Digitalisierung in Bezug auf Ressourcen, Ökologie und Gesundheit bringt, erst greifbar und handhabbar, wenn die zugehörigen Daten ausgewertet werden können. Viele digitale Dienstleistungen erhöhen unsere Lebensqualität, vom Zugang zu Informationen, Open Data und onlinebasierter Bürgerbeteiligung bis hin zu Carsharing oder einer intelligent gesteuerten Stromversorgung. Digitale Innovationen können unser Leben einfacher und lebenswerter machen und über die wirtschaftliche Verknüpfung auch unseren Wohlstand für die Zukunft sichern.

Ängste dürfen nicht die Oberhand bekommen

Der Erfolg von Digitalisierung und KI in Deutschland, und damit "der" Wirtschaftsfaktor der Zukunft, wird aber entscheidend davon abhängen, ob wir es schaffen, die Menschen mitzunehmen, angemessen auf ihre Ängste einzugehen, statt diese zu schüren. Und ob es uns gelingt, den Benefit digitaler Innovationen in den Vordergrund zu stellen. Wir müssen die Digitalisierung deswegen so gestalten, dass alle 82 Millionen Menschen in unserem Land davon profitieren.

Wir können nur in einer optimistischen, technologie- und innovationsoffenen Gesellschaft erfolgreich sein. Momentan liegen wir aber in Deutschland in vielen Bereichen - von digitaler Bildung über digitale Gesundheit bis hin zu digitaler Verwaltung - weit hinter anderen Ländern zurück. Wenn die Bundesrepublik zu den Gewinnern der Digitalisierung zählen will, dann dürfen wir als Gesellschaft niemanden zurücklassen und müssen jetzt agieren! Bisher hat die Bundesregierung nur neue industrielle, wissenschaftliche, und/oder sicherheitspolitische Initiativen auf den Weg gebracht. Somit fehlt uns in Deutschland weiterhin ein schlagkräftiges Instrument, um die Vorteile der Digitalisierung gezielt und schnell für alle spürbar und erlebbar zu machen.

Ein Ziel, nicht nur einen Weg

Es geht darum, die eine alles entscheidende Frage zu beantworten: Was kommt eigentlich nach der Digitalisierung? Wie soll eine automatisierte Wirtschaftswelt mit effizienten elektronischen Geschäftsprozessen und -modellen aussehen? Was für eine Welt sollen die KI-Systeme für uns schaffen? Wir brauchen ein Ziel. Nicht nur einen Weg.

Der Beirat für Junge Digitale Wirtschaft (BJDW) im Bundeswirtschaftsministerium hat hierfür einen konkreten Vorschlag: Wir sollten in Deutschland eine nationale Stiftung für die Förderung digitaler Innovationen einzurichten - nach dem Vorbild der Nesta in Großbritannien. Über diese Deutsche Stiftung für Digitale Innovationen (DSDI) sollen neue Ideen unterstützt werden, die mit Hilfe digitaler (KI-)Technologien die drei größten gesellschaftlichen Themenfelder adressieren und damit die Vorteile der Digitalisierung für die Menschen unmittelbar erfahrbar machen.

Die drei großen Themenfelder

1. Ressourcen: Wie nutzen wir die Digitalisierung und die zugehörigen Daten, um unsere humanen, organisatorischen, physischen, finanziellen und technologische Ressourcen optimal weiterzuentwickeln und damit den gesellschaftlichen Wohlstand für alle Menschen in Deutschland (und darüber hinaus) zu erhalten und weiter auszubauen?

2. Ökologie: Wie nutzen wir die Digitalisierung und die zugehörigen Daten, um unseren Lebensraum zu sichern, noch lebenswerter zu machen und die zentralen Fragen von Klimakrise, Naturerhalt, Energiewende und Mobilität für alle Menschen in Deutschland (und darüber hinaus) zu beantworten?

3. Gesundheit: Wie nutzen wir die Digitalisierung und die zugehörigen Daten, um unsere Lebenserwartung und -qualität zu steigern und unser Gesundheitssystem so zu verbessern, dass Vorbeugung und Versorgung für alle Menschen in Deutschland (und darüber hinaus) eine Selbstverständlichkeit ist und bleibt?

Digitalisierung als Problemlöser

Deutschland hat das Potenzial, die Entwicklung der Digitalisierung insbesondere mit Zusammenspiel mit Künstlicher Intelligenz entscheidend mitzugestalten. Deshalb müssen wir konkrete Antworten auf diese Fragen geben und uns damit von anderen digitalen Wirtschaftsräumen differenzieren. Neben der Frage, wie schnell wir die Digitalisierung hinbekommen, muss die Frage im Mittelpunkt stehen, welche nachhaltigen Entwicklungen zum Wohle des Menschen damit verknüpft werden können. Digitalisierung und die noch kommenden KI-Systeme müssen uns in die Lage versetzen, die drei großen Menschheitsfragen zukunftsorientiert, agil und gemeinwohlorientiert besser zu lösen, als uns dies in der Vergangenheit gelungen ist. Dass dies auch wirtschaftliche Vorteile mit sich bringt, versteht sich von selbst.

Wenn es uns gelingt, die vor uns liegenden technologischen Umbrüche nicht nur als technischen Fortschritt zu betrachten, sondern als Möglichkeit, die drängenden Probleme der Menschheit zu lösen, werden wir mehr Wohlstand, Gerechtigkeit und Chancengleichheit auf der gesamten Welt haben, auf einem sicheren, intakten und ökologisch robusten Planeten wohnen, und sowohl als einzelner Mensch, als auch in der Gemeinschaft der Völker noch länger und gesünder leben dürfen. Das wäre die Vision von einer Welt nach der Digitalisierung, an die wir zusammen glauben sollten und für die es sich lohnt, an und mit der Digitalisierung zu arbeiten.

Prof. Dr. Tobias Kollmann ist Vorsitzender des Beirats Junge Digitale Wirtschaft (BJDW) im Bundeswirtschaftsministerium. Kollmann ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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